Weiter, immer nur weiter

Wir sitzen zu dritt auf der Rückbank eines Kleinwagens. Der Größte von uns winkelt die Knie auf dem Beifahrersitz an. Es geht hinaus aus Beirut. Entlang der Ausfallstraße gen Westen. Vorbei am Flughafen. Ein Militärjeep hupt sich die zweispurige Straße frei. Die Wagen – dort Stoßstange an Stoßstange – wechseln von links nach rechts. Hupen im Dauerbetrieb. Die Hand am Haltegriff.
Wir fahren durch einen Tunnel. Stockfinster. Der Strom ist aus in Beirut zwischen sechs und neun Uhr in der Früh. Wer Kaffee kochen will, das Smartphone laden oder die Waschmaschine anwerfen, hat entweder einen Gasherd, macht das später oder bezahlt 60 US-Dollar für den Generator – zusätzlich zu den 20 Dollar monatlich für Elektrizität. In den Straßen Beiruts ein Spinnennetz von Stromkabeln. Es legt sich an die Hauswände, verzweigt sich über den Gassen und verschwindet in Klimaanlagen, Kühlschränken und Fernsehern. In den Fassaden provisorische Löcher dafür. Wer mehr braucht, geht zum Nachbarn. Der bindet das nächste Kabel dann am Balkongeländer fest.
Der Tunnel ist lang. Statt Scheinwerferlicht blinken die Warnleuchten der vorausfahrenden Autos. „That’s how we do in Libanon!“, ruft Mahmoud nach hinten auf den Rücksitz durch das Wehklagen eines Mannes aus den Lautsprechern. Der Mann singt von der Liebe. Kaum anders kann es sein. Noch immer geht es durchs Dunkel entlang grauschwarzer Betonwände. „What do you think?!“, will Mahmoud wissen. Wie viel koste es wohl, einen Quadratmeter Betonwand zu streichen. Wir heben die Schultern. „Tell us. – 10 000. – Lebanese pounds?! – No! Dollar!“ 10 000 Dollar für Farbe auf einem Quadratmeter Tunnelwand. Die Firma bekomme eine Hälfte des Preises, die Regierung die andere. „But we stopped it!“ Sabaa. Seven. Sieben. Die Partei mit dem VictoryZeichen ist „wir“.
Gleißendes Licht am Ende des Tunnels. Im Dunst der gut 30 Grad erheben sich die Berge. „This is my area!“, sagt Mahmoud und beschreibt einen Halbkreis. Verantwortlich für 300 000 Frauen, Männer und Kinder sei er. „We are the only party on the ground.“ Punkt. Die einzige Oppositionspartei. Die einzige, die sich nicht die Taschen voll mache. Die den Preis für Benzin nicht um ein Viertel erhöhe, damit ein weiterer Audi A8 durch dunkle Tunnel fahre. Die nicht für jeden Stempel auf einem offiziellen Dokument die Hand aufhalte. „Corruption is worst thing in Libanon. And the whole world knows.“
Wir verlassen die Welt der Großstadt. In den Serpentinen nimmt die Gegenfahrbahn die Fliehkraft aus der Kurve. Gibt es Mirabellen, die Mahmoud kurzerhand einem Straßenhändler abkauft. Samt einer Hand voll Salz. „This is the only time you can eat it. In 14 days there are sweet.“ Reif, würden wir sagen. Wir halten vor gewaltigen Mauern aus Sandstein. Hinter dem schweren Eisentor bittet ein Mann um Geld für den Eintritt in den Präsidentenpalast aus dem 5. Jahrhundert. „I’m free of charge“, sagt Mahmoud. Seine Vorfahren hätten den Palast begründet. „I will show you.“

Der Libanon im Zeichen der سبعة

Sie spreizen die Finger zum VictoryZeichen unter dem kühlenden Sandsteingewölbe eines Restaurants etwa eine Autostunde entfernt von Beirut. Sie sind jung, sie sind alt. Männer, Frauen, die Jüngeren auffallend zu Recht gemacht, schieben sich zusammen für ein Foto. In ihrer Mitte eine Frau, deren Alter man erfragen muss, so schwer ist es zu schätzen. Ein ebenmäßig geschminktes Gesicht unter langen, braunen Haaren. Müde Augen, die verraten, was hinter jenen liegt, die an diesem Nachmittag vor Kaffee und Shisha sitzen.
Sie haben gekämpft. Bei der Parlamentswahl Anfang Mai. Um jede Stimme. Um die der Sunniten, die der Schiiten, die der Drusen, die der Christen. Die Frauen und Männer der Partei „Sabaa“. Sabaa ist das arabische Wort für sieben, erklärt Mahmoud. Was Sabaa will, sei einfach: Welcher Religion wer angehöre, sei egal. Dann spreizt Mahmoud die Finger zum SabaaZeichen. Das nächste Foto will gemacht sein.
Sie haben verloren. Wahlurnenweise. Mahmoud zeigt ein Video auf seinem Smartphone. Männer in Zivil tragen weiße Plastikboxen aus dem Wahllokal zu privaten Autos. Ein Beweis für Wahlfälschung? Auf einem Foto liegen weiße Säcke achtlos auf einem Balkon. „Our votes! These are our votes! Look, what they did with them!“ Dann filmt jemand, wie ein Mann und Frau unter einem Baum am Straßenrand die weißen Boxen öffnen und in den Zetteln wühlen. Ein Soldat steht daneben. Das Gewehr vor dem Bauch. „And we’ve got a paper!“, fährt Mahmoud fort. Ein Dokument der libanesischen Botschaft in Deutschland, das besage, sie hätten elf weiße Plastikboxen nach Beirut geschickt – mit den Stimmen der in Deutschland lebenden Libanesen. Die Boxen – sie seien leer gewesen, als sie ankamen in der libanesischen Hauptstadt.

Der amtierende Präsident habe nichts unversucht gelassen, um die Wahl zu beeinflussen. Wieder zeigt Mahmoud ein Video. Ein Mann verteilt vor einem Wahllokal 100-Dollar-Scheine. Die US-amerikanische Währung ist im Libanon geltendes Zahlungsmittel. „Take the money and vote Hariri – that’s what the man says!“ Angst habe Hariri vor Sabaa. Angst, wiederholt Mahmoud. Mit ihren mehr als 180 000 Mitgliedern landesweit habe die Sabaa selbst der Hezbollah Stimmen abgejagt. Organisiert bis in den letzten Winkel der libanesischen Berge, hat die Parteibasis um Wähler geworben. Hariri verlor am Ende doch an Stimmen. Die Präsidentschaft aber nicht.

Zwei Sitze hat die Sabaa nun trotzdem im neuen Parlament. Mahmoud und die anderen im Restaurant sind überzeugt: Es wären mehr. Ohne die Männer in Zivil, die Wühler in den Boxen und ohne die verschwundene Stimmen aus Berlin. „We have to work now for the next four years – to get stronger“, übersetzt Mahmoud den Assistenten jener Frau, die ihrem Alter davongelaufen zu sein scheint. Als TV-Moderatorin prangere sie seit Jahrzehnten die Korruption an im Libanon. Sogar ins Gefängnis sei sie dafür schon gesteckt worden.

Die Bewunderung für diese Frau ist groß. Und sie gibt ihren Unterstützern Mut. Drohungen habe es gegeben am Telefon. Wer nicht Hariri wähle, der verliere seinen Job. Noch vergleichsweise harmlos nennt Mahmoud das. „If they could have killed the former president, why they couldn’t kill us?“, sagt Mahmoud und zieht die Augenbrauen hoch. „I would die for Sabaa.“

An die Menschen in meiner Heimatstadt

Bürgermeisterwahl in einer Stadt mit rund 43000 Einwohnern. In einer Stadt, in der es brodelt. Weil die Wirtschaft wächst, sieben neue Wohngebiete zeitgleich erschlossen werden, um den Menschen Platz zu bieten, die herziehen. In einer Stadt, die gerade in der Tagesschau als attraktivste in ihrer Einwohnerklasse durch Millionen Fernsehhaushalte flimmerte.
Der Kampf der Kandidaten, die den Amtsinhaber ablösen wollen, um die Stimmen der Bürger, findet wenige Wochen vor dem Wahltag noch überwiegend auf Facebook statt. Bis einer der Kandidaten zum Bürgerdialog einlädt. 
In der Gaststätte Familien, Paare beim Abendessen. Der Kandidat mit seinen Parteianhängern an den reservierten Tischen bleibt zunächst allein. Dann gesellen sich zwei Männer dazu. Einer verteilt Flyer, die vor Chemtrails warnen. Der andere zeigt auf seinem HandyDisplay ein soziales Netzwerk, das Russlanddeutsche über die Aktivitäten der Partei des Kandidaten auf dem Laufenden hält. 
Der Kreisvorsitzende ergreift das Wort. Sagt, dass alles anders werden muss in der Stadt, besser. Damit die Stadt lebens- und liebenswert bleibe. Diesen Mist wolle sie sich nicht anhören, ruft eine Frau hinüber. Der Abend ist ganze zwölf Sätze alt. 
Der Kandidat steht auf. Erzählt seinen Werdegang. „Lauter“, ruft einer der Genossen. Geboren in, auf die und die Schule gegangen. Der Kandidat bleibt leise. Er wolle die Leute nicht stören beim Essen. Gelernt habe er dort und dort und in vielen Berufen gearbeitet. „Hat noch jemand Fragen?“ Keiner.
Die Genossen wollen nun stattdessen wissen, wie der Kandidat die Stadt verändern will. Ein 10-Punkte-Plan liegt bereit auf einem Zettel. 10 Stichworte darauf – Demokratie stärken, Sauberkeit, Jugendklubs, Zuzug stoppen, Wirtschaft stärken sind einige. Er zählt sie auf, mal liest er sie ab. Nach jedem Stichwort ein Satz: Das müsse man anders machen. Oder besser. Darum müsse man sich kümmern. „Hat noch jemand Fragen?“ Keiner. 
Der Kreisvorsitzende will es dann genauer wissen. Demokratie stärken, was das denn sei. Der Kandidat beschreibt ein Bauvorhaben, für das es mehrere Varianten gibt. Er soll sie erklären. „Ja, da hätte man sich die Pläne ausdrucken und mitbringen müssen.“ Dann folgen weit ausholende Arme, die einen „komischen Bogen“ beschreiben. Nach seinem Willen sollen die Bürger darüber entscheiden, welche gebaut wird. Es geht um den Ersatz für eine knapp 400 Meter lange Brücke, gegründet auf Pfählen in einem Teich. Um den Teil einer Landesstraße. 
„Was sagst Du denn zum Busverkehr?!“ Die Preise seien extrem gestiegen, antwortet der Kandidat. „Ich weiß zwar nicht, was es jetzt kostet. Aber es ist deutlich teurer geworden.“ Das müsse man sich mal angucken, wenn man auf die Daten Zugriff hat. Im Bürgerinformationssystem des Landkreises sind die für jeden zugänglich. 
Was er denn fürs Parken in der Innenstadt tun wolle. Man könne vielleicht die kleinen Gewerbetreibenden steuerlich entlasten. Wie er den Zuzug in die Stadt stoppen wolle. Beim Innenminister wolle er sich dafür einsetzen. Der Kreisvorsitzende ergänzt, dafür sei ein Landtagsbeschluss nötig. Er weiß es, er sitzt dort im Parlament. Wer vom Zuzug in diese Stadt abgehalten werden soll, das sagt niemand. Die Genossen wissen, von wem die Rede ist. „Wie viele haben wir denn hier überhaupt?!“ Der Kandidat überlegt. Sagt, es wäre gut, sich mal die Zahlen zu besorgen.
Das Bürgerinformationssystem des Landkreises gibt auch darüber Auskunft. 

Mit mir gekommen zum Bürgerdialog ist der Bürgermeister eines kleinen Dorfes unweit der Stadt. Was er vom Kandidaten im Hinblick auf die Stadt-Umland-Beziehungen zu erwarten habe, will er wissen. „Stadt-Umland-Beziehungen?“ – „Ja. Wie stellen Sie sich den Umgang mit den angrenzenden Gemeinden vor. Ihre Stadt platzt aus allen Nähten.“ – „Aus allen Nähten? Wieso?“. Der Bürgermeister des kleinen Dorfes atmet vernehmlich aus. „Was befähigt Sie dazu, 400 Mitarbeiter zu leiten und einen zweistelligen Millionenhaushalt zu verwalten?“ Es antwortet der Kreisvorsitzende – der Amtsinhaber gehöre abgelöst. Es ergänzt ein Genosse: „Du hast dann ja eine Sekretärin, die Dir zuarbeitet.“ Dann antwortet der Kandidat – er habe in vielen Berufen gearbeitet und sich da immer reingefunden. Damit habe er kein Problem. „Ich sehe es als meine Aufgabe, Bürgermeister zu werden.“

Zu langsam selbst zum Angeln

5 Uhr. Noch dämmert es nicht einmal über Tobago. Micha und ich sind seit vier auf. Die neue Wechselbatterie will noch eingebaut werden. Micha bastelt Überbrückungskabel. Dann rattert klackernd die Ankerkette hinauf. „Anker frei!“ Micha steuert Sandine aus der Pirates-Bay. Kurs Grenada. 
Bis zum Mittag läuft fast alles nach Plan. Wache schieben. Assistent spielen und Getränke anreichen, Banane, Orange und Melone. Der Obsthändler in Charlotteville hat uns das Obst nach Haltbarkeitsdatum verkauft: „TomorrowTomorrowTomorrow“. Drei Tage also mindestens. Allein die versprochenen 15 Knoten Wind von achtern lassen auf sich warten. Sandine motort, damit die Genua nicht allzu lustlos im Wind schlägt. 
DidderrittDidderrittTockDirrittTockTockUooop. Motor neu starten. TockDirrittTockTockUooop. Motor neu starten. So geht das etliche Male. Micha reinigt Filter unten im Motorraum, pumpt Dreck aus den Leitungen, saugt den restlichen Treibstoff aus dem Tank und geht in der dieselgeschwängerten, heißen Luft dort fast vor die Hunde. 
Oben hat sich der Wind komplett verabschiedet. Mit 1,6 Knoten geht es voran. Dank der Wellen, die von hinten schieben. Zu langsam selbst zum Angeln. Glaubt man den einheimischen Fischern, die ihre Beute bei rund vier Knoten aus dem Atlantik ziehen. Micha liegt flach. Wir halten Sandine leidlich auf Kurs. Noch mehr als 40 Meilen bis Grenada. Die Silhouette schimmert bereits am Horizont. 
Der Tank also ist leer. Die Reservekanister auch. Bis wir nachsehen und noch mehr als 50 Liter finden in den Backskisten. ZackZack. Aufgeschraubt und eingefüllt. Mit Michas PhysikKnowHow geht das, ganz ohne am Diesel zu nippen. Schlauch in Tank und Kanister. Kanisteröffnung so weit wie möglich mit der Hand verschließen. Reinblasen. Und das von unserem Skipper verhasste E-10-Zeug läuft. 
DidderrittDidderrittTockDirrittTockTockUooop. TockDirrittTockTockUooop. Motor neu starten. TockDirrittTockTockUooop. UooopUoop. Wieder vergeht gut eine halbe Stunde. Der Motor bleibt aus. Und wir dümpeln der karibischen Dämmerung entgegen. Ankunft Grenada laut Navigation: 16:44 Uhr. Am nächsten Tag. Ungläubiges Kichern im Cockpit. 
Den Abend versüßen uns Melone und Jessis selbstgebackener Hefezopf. Hinter Wolken liegt der Mond wie in Watte. In Rückenlage auf der Cockpitbank. Das Mondlicht auffangen. Mit beiden Händen. Und es mir auf die Wangen legen. Dann frischt der Wind auf. Die Genua füllt sich. 2 Knoten. 4,6. Mitunter zeigen die Instrumente sogar 5 an. Grenada: nur noch 8 Stunden voraus. Ankunft: 2:34 Uhr in der Nacht. 
Die PricklyBay soll unser Ziel sein. Ich steuere Sandine die Küste Grenadas hinauf. Ankern unter Segeln in finsterer Nacht. Micha geht wieder und wieder das Manöver durch. Steuerbord und backbord fendern. Genua oder Groß zum Manövrieren. Die Entscheidung braucht noch. Der Wind inzwischen bei zwölf Knoten von quer ab in die Bucht hinein. Wir müssen das Schiff also irgendwie abbremsen. 
Ein Leuchtturm weist uns den Weg. Doch mehr ist nicht zu sehen. Die Bucht – ein schwarzes Loch. Eingepackt sitze ich vorn am Ankerkasten. Warte auf das Kommando. Langsam steuert Micha dem dunklen Loch entgegen. Planänderung. Noch draußen auf dem Atlantik soll uns vor der Bucht eine Untiefe retten. Zu flach für Containerfrachter oder Kreuzfahrtschiffe, unter deren Rumpf wir passen würden. Über diesen sechs Metern ruft Micha: „Lass‘ fallen, Anker!“ Rattattattattattattatt. So geht es 50 Meter Kette lang. Hand drauf. Vibriert nicht. Anker hält. Es ist kurz nach halb drei in der Nacht. 
Die Männer übernehmen die Ankerwache. Mich übernimmt der Schlaf. Drei Stunden später zurück an Deck traue ich meinen Augen kaum. Micha zeigt auf die PrickleBay. Mast an Mast liegen dort die Schiffe. Unsere Fender hätten den Schaden wohl nur minimal abgemindert, wären wir mit Sandine dort im Dustern unter Segeln vor Anker gegangen. 
Micha wagt sich erneut in den Motorraum und kehrt zurück mit einem weiteren Filter. Schwarz wie Kohle. Dann verschwindet er in der Nasszelle und zückt die elektrische Zahnbürste. SirrSirrSirr reiben die Borsten den vermanschten Diesel aus den feinen Poren. Partikelchen für Partikelchen.

Jessi und ich springen ins Wasser. Ankerkette und Anker begutachten im azurblauen Wasser. Als ich wieder auftauche, tuckert Sandine im Leerlauf. Micha hebt die Fäuste. Wir sind wieder unter Motor und machen an einer Mooring in der PricklyBay fest. 

Looft

Rassismus? Gibt es. Sagt Allister. Der Jungmechaniker aus der Marina nickt. Syrische Freunde habe er, indische und schwarze. Er, der weiße. Der Nachfahre eines Engländers. Allisters Familie lebt auf den Inseln seit drei Generationen. Er spricht den local dialect. Spätestens dann lassen sie ihn meist in Ruhe. Die Gangs von Port of Spain.

Dass drei Busse am Haltepunkt an Micha vorbeifahren statt anzuhalten – Allister grient. „We call it reverse rassism.“ Dass der Officer unmittelbar vor mir die Schranke runterlässt und mich danach ignoriert, geschenkt. Dass ein weiterer Officer bei den Ausreiseformalitäten Micha anblafft: „Stop coughing!“, nötigt selbst dessen Kollegen ein verschämtes Grinsen ab. Micha geht fortan draußen husten.

Sandine im Trockendock ist unterdessen wasserfein. Ein Ungetüm rollt heran. Auf Rädern, die sich in alle Richtungen drehen können. Vorangebracht von einem dröhnenden Motor, dessen Auspuff in den Himmel ragt und aussieht wie ein Ofenrohr. Über den Rädern auf jeder Seite ein Stahlträger, der sich dank rasselnder Ketten heben und senken lässt. Dazwischen ellenbreite Gurte – vier an der Zahl.

Das Ungetüm rollt die Stahlträger beidseits neben Sandine. Die Gurte schmiegen sich an ihren Rumpf. Die Stahlträger gehen nach oben. Sandine schwebt. Dann fährt das Ungetüm zurück – wie ein Wagen, der rückwärts ausparkt. Noch 80 Meter bis ins Wasser. Schwups, da schwimmt sie. Nach mehr als acht Monaten auf Stützen.

Los soll es gehen in die Scotlandbay. Kleine Testfahrt. Ankern. Nächsten Morgen früh weiter. Alles funktioniert. Die schwere Passage mit kabbeliger Kreuzsee sieht freundlich aus an diesem Nachmittag. Ein Fischerboot hat sich hinausgetraut. Wir wagen es. Segeln. Endlich wieder segeln! Sandine juchzt.

Doch kaum raus aus der Passage, bleibt der Motor an. Gegen den Wind. Gegen die Welle führt unser Weg nach Tobago. 85 Meilen liegen vor uns. 19 Stunden werden wir dafür brauchen. Die erste Euphorie ist verflogen nach etwa vier Stunden. Jessi und Urs haben sich langgestreckt auf den Cockpitbänken und kämpfen gegen die Übelkeit. Micha steuert. Der Autopilot macht noch Ferien. Krawumm. Sandine landet in einem Wellental. Wasser kommt über. Bis ins Cockpit. Es ist warm wie der Wind. Vorhersagen – offenbar nur etwas, um Erstsegler zu beruhigen.

Der Abend dämmert. Das Kompasslicht bleibt dunkel. Wachwechsel. Bis Mitternacht hat dann die komplette Crew über die Reling gespuckt. Bis auf eine: Jessi. Noch nie auf einem Segelschiff, steuert sie Sandine durch die Nacht. Kaum ein Auge haben wir für das Licht am Firmament. Mühsam kontrollieren wir die Nacht auf Schiffe auf unserem Weg. Schlafen. Wachen. Die Pirates-Bay in Sicht. Anker runter auf 20 Meter. Raus aus den Klamotten. Rein in den Atlantik.

Ein verdöster Tag beginnt. Baden. Wasser die Kehlen hinunterschütten. Essen – schnell ein paar Nudeln in den Topf und Schweinefilets in die Pfanne. Baden. Wasser. Dösen. Das Dinghi bringt uns am Nachmittag an den Strand. Stille wie an einem Sonntag liegt über Charlotteville. Pittoreske Häuschen wachsen aus dem tiefgrünen Hang. Manche stehen auf Stelzen stolz oben auf den Hügeln Tobagos.

Wir stapfen hinauf zum ImmigrationOffice. Vorbei an hellblau, pastellfarben oder pink getünchten Häusern. Meist aus Holz. Mit Veranda, Hühnern im Garten und blank polierten Wagen in der Einfahrt. Über der Krankenstation direkt neben dem Friedhof sind Zoll- und Einreisebüro verwaist. Ein Anruf bringt Klarheit. Wir sollen morgen wiederkommen. 10 Uhr.

Wir folgen Micha zu einem Lokal, von dem nicht nur die Seglergemeinde schwärmt. „Suckhole“ unmittelbar am Strand. „Chef Stevie“ vertröstet uns – auch auf morgen. Bei ihm gebe es nur mittags etwas zu essen. In zwei Stunden geht die Sonne unter.

Wir sitzen auf einer Bank am Strand. Seltsame Stille auch hier. Menschenleer. Krebse im Sand. Ein einheimischer Künstler, der uns Postkarten schenkt. Und dann „Chef Stevie“. Er will uns Fries machen. Mit Gemüse. Avocado, Zucchini, Tomaten, Salat. Und ganz viel Knoblauchsauce. Dazu eisgekühlte Cola. Wir versuchen, ihm die Mühe zu ersparen. Doch er besteht darauf. Und will nicht einen TitiDollar dafür.  Ich denke an Allister. Und daran, dass die anderen viel mehr sind. Die offenen, freundlichen Menschen.

Mittag am Tag darauf im „Suckhole“. Stevie kocht. Fabien bittet mich an seinen Tisch. Fragt mich aus nach children und husband. Sagt, dass ich meinem husband sagen soll, dass ich hier bleibe.

Wir trinken Cola. Erzählen vom Paradies Tobago. Vier Monate Urlaub mache er im Jahr. „Four weeks?! That’s nothing!“ Werde ich mal in der Redaktion vortragen. Fabiens Telefonakku ist fast leer. „Oh. Is there a possibility to charge? – In my car.“ Ich reiche ihm Kabel und Handy.

Constructor sei er. Für TrinidadTobagos Straßen. Seine Augen sagen etwas anderes. Und lassen seinen Wagen kaum einen Moment unbeobachtet. „I’ve got something in my car I don’t want anyone to get too close to.“