Es sollte der erste Törn werden. Auf Erika, der Großen. Wismar-Kiel. Allein.
An einem Tag auf knapp 8 Metern nicht zu schaffen. Zumal das Toplicht fehlt und die Positionslampen original, vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie nicht mehr zugelassen sind.
Also in Etappen. In dreien. Montag los. Mittwoch ankommen. So der Plan.
Die 25.6 Seemeilen von Wismar nach Grömitz hätten mich beinahe die Pütz gekostet. Am Ende war es nur ein Stück Fleisch am Zeigefinger der rechten Hand. Wächst nach.
5 Stunden und 53 Minuten hat der Tracker aufgezeichnet. Wenige waren unterwegs vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Die Sonne schien. Am Strand von Grömitz die ukrainische Flagge. Spaziergänger auf der Promenade. Im Sand und in den Strandkörben die letzten Sommerurlauber. Ein paar Scheiben frischen Roggenbrots für die Etappe am nächsten Tag.
Festgemacht längsseits an der Südmole und das Anlegen in der Pfahlbox erspart. Ohnehin war alles dicht. Vor Erika geht eine Yacht längsseits. Eine nächste packt sich sich am Abend ins Päckchen. Wenn der Wind stimmt, bleibt am Morgen die Heckleine belegt, treibt er Erikas Bug am Heck der Yachten vorbei.
Kurz vor sechs wird aus der Theorie Praxis. Klaus-Herbert tuckert uns durch den Hafen. Fender einholen. Leinen klarieren. Da wartet schon die Neustädter Bucht mit ordentlich Schwell von vorn. Klaus-Herbert, der Kurzschafter, motort mehr in der Luft als im Wasser. Also schnell die Segel hoch.
Das Groß steht. Ein Piuong hallt durch den jungen Tag. Der Segelhals und der Baum sind ohne Verbindung. Also Segel wieder runter. Im Schwell. Ohne nennenswerte Fahrt nach vorn. Grömitz-Mole, sei gegrüßt.
Nun aber zackig das Vorsegel hoch. So kommen wir weg und voran. In der Welle aber wenig kommod. Ersatz für den weggeflogenen Schäkel suchen. Ein Dynemabändsel tut es auch.
Groß setzen. Und mit sechs Knoten entlang Kellenhusen, Damp und Großenbrode gen Fehmarnsund. Die Brücke ist weithin sichtbar. Schweigen bietet sich an. In Erinnerung an den freudigen Ausruf beim Anblick der Brücke auf dem Überführungstörn vor anderthalb Jahren von Flensburg nach Wismar.
Noch vor der Brücke das Groß wieder runter. Unter Fock nur unten durch und dann nach Backbord in Richtung Ansteuerung Heiligenhafen. Auf einem eigenem Kiel dort festgemacht, wo uns im Mai 2021 die Seenotretter des Nachts in Sicherheit brachten.
Der Hafenmeister ist ein anderer. Schiff und Crew genießen unerkannt den Sommernachmittag. Früh geht es nach einer Mischung aus Reis und Thunfisch und einem Spaziergang durch Heiligenhafen in die Koje. Die längste Etappe steht bevor.
Gut 41 Seemeilen. Wind in Stärke 4, in Böen 5. Eine See von einem Meter und mehr. Einen Freund gefragt nach dem Segelkleid. Die Fock reicht, waren wir uns einig. 4 Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit aber sollten es schon sein, um nicht in der Dämmerung die Kieler Förde runterzumüssen.
4:54 Uhr klingelt der Wecker. Dunkel ist es noch. Kaffee. Schiff vorbereiten. Ein Mal durchatmen vor dem Spiegel. Leinen los. Am Ende der Ausfahrt von Heiligenhafen schiebt sich die Sonne hinter der Fehmarnsundbrücke aus dem Meer. Foto machen. Der kleinen Schwester schicken. Zum Geburtstag. Einem runden. Der Grund für dieses Abenteuer.
Null Fahrt im Schiff. Aufgelaufen auf fünf Metern. Bei 1.20 Meter Tiefgang. Fock dicht. Fock auf. Wir drehen uns auf der Stelle. Nee, wa. So wird das nichts mit den gut 41 Seemeilen. So nicht.
Klaus-Herbert wühlt sich mit seinen vier PS unter Vollgas durchs Wasser. Wir kommen frei. Ich danke ihm ein weiteres Mal. Kiel, wir kommen.
Unter Fock laufen wir im Fehmarnsund gerade einmal zweieinhalb Knoten. Also Groß setzen. Fahrt aufnehmen. Meilen machen.
Die Warngebiete Putlos und Todenhof sind also zu umfahren. Sie schießen in die Ostsee, die Frauen und Männer von der Bundeswehr. Zwischen 9 und 20 Uhr. Eine Fregatte der Marine hält Unvorsichtige von den dumpfen Einschlägen fern.
Alle anderen müssen deshalb erst einmal weit nach Nordwesten. Immer an den Gefahrentonnen längs. Den Umweg so gering wie möglich halten. Das Wachschiff immer parallel auf Kurs.
Der Wind frischt auf wie vorhergesagt. Die Wellen schräg von achtern. Die Fock schlägt im Seegang. Also runter damit. Vor dem Wind mit dicht geholten Schoten rutscht das Vorsegel auf den Bug. Es ist 09 Uhr 08.
Großschot fieren, im Entengang nach vorn auf den Bug. Zwei Bändsel in der Hand zum Sichern der Fock. Das Fall vergessen, mit anzubinden. Noch mal lose machen.
Wasser. Wasser läuft in die Stiefel. Die Hose nass. Der Pullover. Ein ungläubiger Blick auf den Bug. Zugreifen. Festhalten. Festkrallen.
Die Stiefel füllen sich. Die Schwimmweste geht nicht auf. Die Marine. Ist da noch irgendwer. Um Hilfe rufen. Energieverschwendung. Sammeln. Fokussieren. An Bord. Irgendwie zurück aufs Schiff.
Das rechte Bein mit einer Welle aufs Deck schwingen. Abrutschen mit dem Stiefel. Ein Versuch noch. Einer. Konzentrieren. Augen zu. Welle abwarten.
Das Bein ist oben. Verkeilt hinter der Bugklampe. Das andere hindurchgeschoben, hängen beide Beine nun an Deck. Der Oberkörper fehlt. Hochziehen. Eindrehen an Deck. Auf dem Bug liegen.
Die Wellen lassen keine Zeit zum Nachdenken. Zurück ins Cockpit. Schiff auf Kurs bringen. Ein Schrei. Stiefel auskippen. Eine Zigarette. Dreiviertel der Strecke noch bis Kiel.
Das Wetter verbietet jeden Gedanken an Was-wäre-wenn. Nach dem Festmachen in Kiel-Wik laufen die Tränen, schüttelt es den längst getrockneten Körper: Mann über Bord. Da war niemand, um diesen Notruf abzusetzen.