Frieden allein reicht nicht

„Er ist integriert. Er hat’ne Krankenkassenkarte.“ Der Rettungsassistent lächelt gequält. Schiebt die Trage an den Tresen der Notaufnahme. Der Mann darauf wimmert.
Es ist ein Wimmern aus der Tiefe. Muhamad übersetzt. Der Mann sei traurig. Sagt er. Seit Wochen. Nur einem seiner Freunde noch öffne er überhaupt die Tür.
An diesem Samstagabend treten auch Notarzt und Rettungskräfte ein. In die kleine Wohnung. In das Zimmer, aus dem das Wimmern kommt.
Der Mann sei sehr traurig. Übersetzt Muhamad. Das einzige Messer hätten sie ihm weggenommen. Nachdem er sich damit verletzen wollte. 
Tranquilizer. Danach Antidepressiva. Sagt die Ärztin auf Station. Nachdem sie gehört hat, warum der Mann wimmert. Seit Wochen. 
Anerkannt ist er. Als Flüchtling aus Syrien. Hat zwei Zimmer, Küche, Bad. Hat keinen Strom. Eine Matratze. Zwei Handtücher, die ihn wärmen, wenn er da liegt und wimmert. Inmitten von leeren Fischdosen, Zigarettenkippen, Milchtüten.
Der Freund erzählt. Muhamad übersetzt. Der Mann wimmert. Ob er noch Fragen habe an die Ärztin. Wo ist meine Familie. Geht es ihr gut. 

Frau und zwei Kinder hat er zurückgelassen. Im Bombenhagel. 

PalimPalim

Kurz vor Mitternacht. PalimPalim – Whatsapp. Einer von den Jungs. Es ist fast immer einer von den Jungs, wenn es palimmt. 

„I heard about some news in facebook they will send some Syrian people to hungary. I want to know if that is true or not.“

Durchatmen. Schlaf aus den Augen reiben. Dublinverfahren in die googleNews-Suche eingeben. 

„True. Muhamad. It is true. …………“

Licht an. Weitersuchen. Nachdenken. Schreiben. Dass das eigentlich kaum möglich sein wird. Weil weder Ungarn, Österreich oder Italien – weil sie die Flüchtlinge nicht zurücknehmen werden. Anführungszeichen setzen. Und hoffen, dass er das nicht missversteht. Mit dem Zurücknehmen. Weil sie – ja, weil was eigentlich. Muhamad schreibt nicht mehr.

Seine Eltern sind in Norwegen. Er ist – hier – der HansDampf in allen Gassen. Ihn fragen sie, wenn sie eine Wohnung suchen. Einen Brief nicht verstehen, in dem es heißt, der Kunde möge eine Einweisungsverfügung zur Unterkunftslage beibringen – ansonsten würden die Leistungen gekürzt. 

Muhamad hat darauf keine Antwort. Aber er kennt jemanden, der sie haben könnte. Im Amt. Bei der AWO. Dem Roten Kreuz. Oder den Maltesern. Und er kennt die Antwort, sollten sie das DublinVerfahren tatsächlich wieder konsequent anwenden. Sollten die anderen Länder die Menschen „zurücknehmen“. 

Vermutlich soll das ein Zeichen sein, schreibe ich noch. An all‘ die, die noch auf dem Weg sind. Nach Deutschland. Ein Zeichen dafür, dass Schluss ist nun. Und Deutschland sich selbst nicht mehr leiden kann. ?

Stilles Wiedersehen

„Geschafft?! Habt Ihr es geschafft?!“ Amani nickt ins Telefon. Oft hat sie diese Frage schon beantwortet an diesem Tag. Die Mutter, die Cousinen, die Brüder – sie lauschen. Niemand muss Arabisch können, um zu verstehen. Jeder kann es hören. Kann es sehen.

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