Panama. Longread.

Bocas. Viel gesehen haben wir nicht. Nur den kleinen Zipfel im Südwesten. Die Mainroad mit den all den jungen Menschen, die zur Party einladen – im Club, auf dem Boot, nach dem Tauchen. Mit jenen, die ihre selbstgemachten Ohrringe, Ketten und Ringe auf Tischen auf der Straße verkaufen zwischen den Schlaglöchern. Mit den Häusern aus Holz in leuchtendem Blau, Rosa, Gelb, die erinnern an die, die der Wolf bei den drei kleinen Schweinchen einfach umpustet. Auf Bocas aber bleiben die Menschen vor Hurricans verschont. Liegt Sandine in der Marina sicher, heben mitunter nur die Kielwellen der vorbeirauschenden Shuttleboote das Heck sanft in die Höhe.
Fliegende Laboratorien

Hoch ist auch der Ton, auf den meine Ohren in den vergangenen Wochen nahezu trainiert wurde. Ausgesendet wird er von fliegenden Laboratorien. Entgegen der herkömmlichen Meinung werden sie weniger von Licht angezogen, als mehr von chemischen Elementen. Deren Zusammensetzung entscheidet, ob sich die fliegenden Laboratorien niederlassen. Am Ende meines SandineBesuchs konnte ich sie schon in mindestens fünf Metern Entfernung hören. Meine Blutgruppe und der Geruch meines tropisch-aufgeheizten Körpers taten das Übrige, um zu garantieren, dass sie auch tatsächlich auf mir landeten. Bevorzugt an den Ohren und im Gesicht. Denn da ist der von Ihnen favorisierte CO2-Ausstoß bekanntlich am größten. „Autan Multi Tropical“ war zum Weglachen nutzlos. „Off“ hingegen aus dem lokalen Supermarkt hüllte uns in einen Geruch von Kaugummi – und hielt die Mücken erfolgreich fern.
KaffeeBrian und KillingDon

Ziemlich nah hingegen kamen wir dem perfekten Kaffeegenuss. Es mussten zwei Wochen vergehen, bis ich bemerkte, dass in der Marina frischer Kaffee geröstet wurde. Brian aus Kanada fröhnte hinter dem MarinaOffice seinem Job, mit dem er sich das Leben in Panama finanziert.

Und dann war da noch Don. 75 Jahre alt, etwa 1,85 groß, wache Augen, trainierter Körper, schlohweißes Haar. Don, der auf seinem Katamaran einen Steg weiter lag, dessen Frau aus wohlhabendem Hause in Kolumbien stammt. Don, der im Vietnamkrieg einer US-Spezialeinheit angehört haben soll. Einer, die im Dschungel auf sich allein gestellt war, Schlangen, Käfer und sonst was aß. Einer, die lautlos kam und lautlos ging und ausgelöschtes Leben zurückließ. Als seine Pflichtzeit bei der Army vorbei war, seien sie zu ihm nach Hause gekommen, hätten an seine Tür geklopft und ihn gefragt, ob er weitermachen wolle. Für 25000 Dollar pro „Job“. „What we did, was wrong. It was nothing about protecting our country. It was completely wrong.“ Don arbeitete, machte in der Abendschule seinen Abschluss nach. Heute, 50 Jahre später, pendelt er zwischen Panama, Kolumbien und den Staaten.
CrackMan und French Carpenter

Die halbe Stunde im Wassertaxi zwischen den Inseln von Bocas und Almirante auf dem Festland trocknete der Fahrtwind von 18 Knoten meine Tränen. Ein junger Mann war als Guide an die Seite gestellt worden und lotste mich in Almirante zu CrackMan. Der schlug mit seiner Machete eine Kokosnuss auf, reichte sie mir und begann zu erzählen. Vom Crack, das er jahrelang geraucht habe. Bis seine erste Ehe das nicht mehr aushielt. Von seinem Vater und der Farm, die er ihm vermachen wollte. Er aber sei kein Farmer, habe keine Ahnung von Getreideanbau und Kühen. Von den zwei Häusern, die er inzwischen hat. Von seiner zweiten Frau und den Kindern. Davon, was den Wert eines Menschen ausmacht. Dass es nicht das dicke Auto sei, sondern dass sich der Einzelne einbringe in die Gesellschaft – mit seinem Talent, seinen Fähigkeiten – ob als Arzt, Bootsführer oder Kokosnussverkäufer. Und dass es die Aufgabe eines Staates sei, jeden Menschen dabei zu unterstützen, wertvoll für die Gesellschaft zu sein.
Während ich auf den Nachtbus nach Panama warte und noch über CrackMan nachdenke, grinst ein Mittfünfziger mit Halslängen grauen Haaren herüber. Im Laufe der kommenden 21 Stunden schnattern der Mann aus Südfrankreich und ich zwar unablässig, stellen uns einander aber namentlich nicht vor. Dafür unternehmen wir am Flughafen in Panama ausgedehnte Spaziergänge, nur um den Rauchverbotsschildern auf dem riesigen Gelände zu entfliehen. Und dann erzählt er von seiner Mutter, seiner Patentante und deren Mann. Die beiden Frauen schnattern und picheln einen Whiskey nach dem anderen, während der Mann depressiv in der Ecke sitzt. Bis er sich ins Badezimmer verzieht, um sich aufzuhängen. Das Vorhaben misslingt. Die Frauen finden ihn bewusstlos, ziehen ihn aus, wickeln ihn in einen Teppich und hieven ihn in den Kofferraum. Whiskey getränkt geht es dann über die Grenze in die Schweiz. „Behalten Sie ihn eine Woche“, sagt die Patentante in der Aufnahme einer psychiatrischen Anstalt. „In comparison to this I’m quite normal“, sagt mein französischer Begleiter.
There’re no postcards in del Toro

Eigentlich ist es ja Tradition und darf erwartet werden, dass Postkarten Wochen später in Euren Briefkästen eintrudeln. In Bocas – believe me – gibt es keine Postkarten. Es gibt nicht mal eine Post. Dafür ein FedEx-Büro, wo die Locals ihre Kommunikation mit Behörden abwickeln. Also nicht traurig sein.
Sandine und die Zeugen Jehovas

Tja. Dass Sandine verkauft werden soll, hatte ich schon berichtet. Einem Kaufinteressenten aus Deutschland hat Micha schon eine Absage erteilt. Boot und Interessent passen nicht zu einander.

Auch innerhalb der Marina ist das Interesse groß. Montag beispielsweise saß eine Zeuge Jehovas im Cockpit. Sandine soll unter ihm via Air bnb als Übernachtungsschiff dienen. Gestern sollte der Vertrag unterzeichnet werden. Der Zeuge erschien nicht.
Bleib‘, Sandine. Bleib‘. 

UPDATE: Sandine ist verkauft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.