Looft

Rassismus? Gibt es. Sagt Allister. Der Jungmechaniker aus der Marina nickt. Syrische Freunde habe er, indische und schwarze. Er, der weiße. Der Nachfahre eines Engländers. Allisters Familie lebt auf den Inseln seit drei Generationen. Er spricht den local dialect. Spätestens dann lassen sie ihn meist in Ruhe. Die Gangs von Port of Spain.

Dass drei Busse am Haltepunkt an Micha vorbeifahren statt anzuhalten – Allister grient. „We call it reverse rassism.“ Dass der Officer unmittelbar vor mir die Schranke runterlässt und mich danach ignoriert, geschenkt. Dass ein weiterer Officer bei den Ausreiseformalitäten Micha anblafft: „Stop coughing!“, nötigt selbst dessen Kollegen ein verschämtes Grinsen ab. Micha geht fortan draußen husten.

Sandine im Trockendock ist unterdessen wasserfein. Ein Ungetüm rollt heran. Auf Rädern, die sich in alle Richtungen drehen können. Vorangebracht von einem dröhnenden Motor, dessen Auspuff in den Himmel ragt und aussieht wie ein Ofenrohr. Über den Rädern auf jeder Seite ein Stahlträger, der sich dank rasselnder Ketten heben und senken lässt. Dazwischen ellenbreite Gurte – vier an der Zahl.

Das Ungetüm rollt die Stahlträger beidseits neben Sandine. Die Gurte schmiegen sich an ihren Rumpf. Die Stahlträger gehen nach oben. Sandine schwebt. Dann fährt das Ungetüm zurück – wie ein Wagen, der rückwärts ausparkt. Noch 80 Meter bis ins Wasser. Schwups, da schwimmt sie. Nach mehr als acht Monaten auf Stützen.

Los soll es gehen in die Scotlandbay. Kleine Testfahrt. Ankern. Nächsten Morgen früh weiter. Alles funktioniert. Die schwere Passage mit kabbeliger Kreuzsee sieht freundlich aus an diesem Nachmittag. Ein Fischerboot hat sich hinausgetraut. Wir wagen es. Segeln. Endlich wieder segeln! Sandine juchzt.

Doch kaum raus aus der Passage bleibt der Motor an. Gegen den Wind. Gegen die Welle führt unser Weg nach Tobago. 85 Meilen liegen vor uns. 19 Stunden werden wir dafür brauchen. Die erste Euphorie ist verflogen nach etwa vier Stunden. Jessi und Urs haben sich langgestreckt auf den Cockpitbänken und kämpfen gegen die Übelkeit. Micha steuert. Der Autopilot macht noch Ferien. Krawumm. Sandine landet in einem Wellental. Wasser kommt über. Bis ins Cockpit. Es ist warm wie der Wind. Vorhersagen – offenbar nur etwas, um Erstsegler zu beruhigen.

Der Abend dämmert. Das Kompasslicht bleibt dunkel. Wachwechsel. Bis Mitternacht hat dann die komplette Crew über die Reling gespuckt. Bis auf eine: Jessi. Noch nie auf einem Segelschiff, steuert sie Sandine durch die Nacht. Kaum ein Auge haben wir für das Licht am Firmament. Mühsam kontrollieren wir die Nacht auf Schiffe auf unserem Weg. Schlafen. Wachen. Die Pirates-Bay in Sicht. Anker runter auf 20 Meter. Raus aus den Klamotten. Rein in den Atlantik.

Ein verdöster Tag beginnt. Baden. Wasser die Kehlen hinunterschütten. Essen – schnell ein paar Nudeln in den Topf und Schweinefilets in die Pfanne. Baden. Wasser. Dösen. Das Dinghi bringt uns am Nachmittag an den Strand. Stille wie an einem Sonntag liegt über Charlotteville. Pittoreske Häuschen wachsen aus dem tiefgrünen Hang. Manche stehen auf Stelzen stolz oben auf den Hügeln Tobagos.

Wir stapfen hinauf zum ImmigrationOffice. Vorbei an hellblau, pastellfarben oder pink getünchten Häusern. Meist aus Holz. Mit Veranda, Hühnern im Garten und blank polierten Wagen in der Einfahrt. Über der Krankenstation direkt neben dem Friedhof sind Zoll- und Einreisebüro verwaist. Ein Anruf bringt Klarheit. Wir sollen morgen wiederkommen. 10 Uhr.

Wir folgen Micha zu einem Lokal, von dem nicht nur die Seglergemeinde schwärmt. „Suckhole“ unmittelbar am Strand. „Chef Stevie“ vertröstet uns – auch auf morgen. Bei ihm gebe es nur mittags etwas zu essen. In zwei Stunden geht die Sonne unter.

Wir sitzen auf einer Bank am Strand. Seltsame Stille auch hier. Menschenleer. Krebse im Sand. Ein einheimischer Künstler, der uns Postkarten schenkt. Und dann „Chef Stevie“. Er will uns Fries machen. Mit Gemüse. Avocado, Zucchini, Tomaten, Salat. Und ganz viel Knoblauchsauce. Dazu eisgekühlte Cola. Wir versuchen, ihm die Mühe zu ersparen. Doch er besteht darauf. Und will nicht TitiDollar dafür.  Ich denke an Allister. Und daran, dass es die anderen viel mehr sind. Die offenen, freundlichen Menschen.

Mittag am Tag darauf im „Suckhole“. Stevie kocht. Fabien bittet mich an seinen Tisch. Fragt mich aus nach children und husband. Sagt, dass ich meinem husband sagen soll, dass ich hier bleibe.

Wir trinken Cola. Erzählen vom Paradies Tobago. Vier Monate Urlaub mache er im Jahr. „Four weeks?! That’s nothing!“ Werde ich mal in der Redaktion vortragen. Fabiens Telefonakku ist fast leer. „Oh. Is there a possibility to charge? – In my car.“ Ich reiche ihm Kabel und Handy.

Constructor sei er. Für TrinidadTobagos Straßen. Seine Augen sagen etwas anderes. Und lassen seinen Wagen kaum einen Moment unbeobachtet. „I’ve got something in my car I don’t want anyone get too close to.“

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