Durchhalten! Welch‘ eine Parole.

293 Seemeilen. 60 Stunden. Das rechnen wir für die Überfahrt von Zante nach Catania. Sizilien. Die SiebenMeterWellen werden bis zu unserem Ablegen nicht überdauern. Der Wind – er soll uns schieben. Vom Leinen los machen bis zum Anlegen. Das aber hatten wir schon mal gehört auf diesem Törn.

Ablegen also Samstag auf Sonntag eine Stunde nach Mitternacht. Zu zweit. Andy, die bayerische RegattaHoffnung, ist aus- und in den Flieger gestiegen. Die Geschäfte rufen. Michael, der zweite, auch er verlässt Sandine vor der letzten Überfahrt. An ihm nagt offenbar das Gefühl, nicht gebraucht zu werden an Bord. Weil er nicht Ruder gehen kann.

Also werden Micha und ich allein Wache gehen. Allein mit dem Nötigsten aus dem Salon nach oben ins Cockpit schleudern, das uns den Magen füllt. Denn die ersten zwanzig Seemeilen des nachts erinnern uns sehr an Rethymnon-Kythera. Wind von vorn. Welle von vorn. Strömender Regen oben drauf. Sicht gleich null.

Während Micha tapfer die Küste Zakynthos‘ entlang steuert, schlafe ich das aufkommende Fieber im Salon weg. Übernehme, kurz bevor die Sonne hinterm Heck aus dem Meer steigt. Immer gen West. Sandine lässt sich leidlich auf Kurs halten. Mandarine abpulen. 27 Grad Abweichung.

Und der Wind – schiebt tatsächlich wie angekündigt. DreiMeterWellen gehen unter dem Schiff durch. Brechen steuerbords am Bug. Auf einer surft Sandine zu neuem Geschwindigkeitsrekord. Mit 8,8 Knoten eilen wir für einen Moment Sizilien entgegen. Unter Sonne. Bis zum Abend.

Mond erst. Fast voll. In einem breiten Streifen liegt er backbords auf dem Wasser. Dann zieht sich ein Kreis um Sandine. Verbinden sich sämtliche SchlechtwetterWolken zu einem Reigen. Überbieten sich darin, die Nacht mit ihren Blitzen zu erhellen. Der Mond – er gibt auf. Auch der Stern, der uns neben dem Kompass Orientierung gab, ist verschwunden. Micha will unter Deck. Sich aufwärmen. Was zu tun sei, wenn der Blitz einschlägt, will ich noch wissen. „Handschuhe hast Du an. Schuhe mit dicken Sohlen auch. Ach so – ganz wichtig: Der Motor muss an sein.“ Ansonsten würden wohl die Instrumente ausfallen. Schlägt der Blitz ein in die Sandine, könnte es ein Loch im Rumpf geben. Müsste gestopft werden.

Während ich darüber nachdenke, wie das alles im Ernstfall zu bewerkstelligen sei, nähern wir uns Sizilien. Schneller als gedacht. Sehr viel schneller. Es könnten nur 48 Stunden werden. Der Wind dreht. Mütze zurechtrücken. 16 Grad Abweichung. In großem Schweigen bringen wir auch die zweite Nacht hinter uns. Und bekommen Besuch zum Frühstück. Shawn Clark II. landet auf der Badeplattform. Anders als sein Vorgänger schafft er es beim ersten Landeanflug. Anders als sein Vorgänger bleibt er fast eine Stunde. Inspiziert selbst den Salon. Nur das Essen schlägt er aus. Dem Gaumen nach offenbar ein Italiener. Der sich nicht mit Cornflakes und Brot zufrieden gibt. Irgendwann setzt Shawn Clark II. zum Abflug an. Wohin der Spatz wohl will – mitten auf dem Meer. Wir frühstücken weiter. Kaffee trinken. 44 Grad Abweichung. 80 Seemeilen vor Catania heißen wir Italien willkommen. Tiziano Ferro schnulzt aus den Bordboxen ins Cockpit.

Micha geht unter Deck. Zeit für etwas Warmes. Nach einer halben Stunde Scheppern im Salon – Hühnerbrühe mit Ei. Wir müssen sie nacheinander essen. Ohne Autopilot bleibt uns selbst das gemeinsame Mahl verwehrt.

Noch etwa 50 Seemeilen. Wir sehen auf die Uhr. Wir könnten es in weniger als 48 Stunden schaffen! Der Wind dreht auf Nord. Frischt auf. Schwarz ist der Himmel. An Backbord. An Steuerbord. Dem Bugkorb voraus auch. Regen fegt über die Wellenberge. Wir fahren 8,1 Knoten. Sandine schießt mit jeder Böe in den Wind. Die Wellen tun ihr Übriges. Gegensteuern. Den Moment kurz vor dem Wellental abpassen. Das Steuerrad zurück auf 270 Grad. Gegen den Druck von Wind und Wasser. Der Krängung des Schiffes mit dem Beugen des rechten Knies und dem Gegenstemmen des durchgesteckten linken Beines widerstehen. Hundertmal das Ganze. Tausendmal. Eisig ist der Nordwind. Klitschnass die Kluft. Zehn Stunden geht das. Als wir nach 45 Stunden in der Marina direkt neben dem Containerhafen festmachen, sind die Treppen zum Niedergang eine Qual. Ein paar Schritte noch durch das nächtliche Catania. Essen. Zurück. Schlafen. 

2 thoughts on “Durchhalten! Welch‘ eine Parole.

  1. GRATULATION. IHR HABTS GESCHAFFT.

    Danke für den Blogeintrag, so konnte ich doch noch ein bisschen teilhaben an der Überfahrt. Sehr schön.

    Ich war ganz Irritiert, als im Video die Deutschlandflagge nach „hinten zum Bug“ wehte. Ihr hattet tatsächlich Wind von achtern? Ich kanns gar nicht glauben.

    Schönen Gruß an euch beide und die Sandine.

    Andy
    aka
    Die Niederbayerische Regattahoffnung

    1. Wind von achtern! Ja! Bis 8 Stunden vor Catania. Dann eisiger AmwindKurs. Die Sandine is heute wieder los. Ohne mich. :-/ Bin schon wieder zurück. Sei auch Du gegrüßt!

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