Zwischen Wellen und Wachen

Gut 30 Seemeilen away from Cyprus. In den sechs Stunden ein Frachter. Groß für drei. Dann nichts mehr. Im Schweif der Morgensonne Kurs genommen auf Israel. Mit Einreisegenehmigung. Die war uns am Abend zuvor ein gutes Essen in Pafos wert.

Überhaupt. Pafos. Im Vergleich zur seelenlosen LuxusMarina in Limassol – die mit dem Kaltwasser aus der Dusche und der instabilen Stromversorgung an der Pier für knapp 83 Euro pro Tag – im Vergleich dazu also empfing uns Pafos des nachts mit wahrem Luxus. Mit Fischerbooten. Einer Jahrhunderte alten Festung. Und Regen. Regen, der den Marinepolizisten dazu veranlasste, Kollegen zu bitten, uns mit dem Polizeiwagen ins OfficerBüro zu fahren. Danke, Regen.

Am Tag darauf – ein Bummel durchs Städtchen. Weihnachtsmänner an den Laternen. Weihnachtsbäume in Form von Glasflaschenpyramiden auf der Straße. Last Christmas auch auf Zypern unvergessen. Wir schütteln uns kurz. Sommer im Herzen.

So naht die Überfahrt nach Israel. Das Warten auf den Moment, in dem Zypern nicht mehr, in dem nur noch Wasser ist. Ein Blick zurück übers Heck. Eine Windhose. Der Rüssel selbst auf die Entfernung dick wie ein Baum. Kaum zu schätzen, wie hoch die Gischt spritzt. Dort, wo der schneeweiße Rüssel ins Wasser schießt. Ich wecke Micha. „Gut, dass wir hier sind.“
Die Windhose fällt zusammen. Stück für Stück – vom Wasser zum Himmel hinan. Drei Mal löst sie sich auf. Drei Mal stößt sie ihren Rüssel zurück ins Meer. Limassol. Es wird wohl Limassol treffen.

Vor uns noch gut 180 Seemeilen. Ein einzelnes Sternlein legt seinen blassen Streifen Licht auf das Wasser. „Wenn Du Backbord- und Steuerbordlicht gleichzeitig siehst, sind wir auf Kollisionskurs.“ Aha.

Wachwechsel. Sieben in den 30 Stunden. Banane. Wie geht’s Dir. Apfel. Wie geht’s Dir. Cashewkerne in Honig gebrannt. Was macht der Kahn da hinten?

Dem anderen die Bettstatt bereiten im Cockpit. Schlafen im Salon oder in der Kajüte – undenkbar. Zu unwiederbringlich das Abbild der Blitze, die ihre Energie parallel zum Horizont entladen. Unwiederbringlich all‘ die Sternschnuppen, die Michas Wünsche hinfortnehmen. Unwiederbringlich der Anblick des Regenbogens, der sich am Morgen über unser Heck wölbt. Man möchte den Himmel umarmen. Umarmen möchte man ihn.

18 Stunden später und 30 Seemeilen vor Israel. „Israel Navy – Israel Navy – Israel Navy — This is sailyacht Sandine – Sandine – Sandine – over.“ Vier Fragenkomplexe und zweieinhalb Seemeilen später heißt es „Please, stand by on channel zero nine!“

Ich gehe wieder an Deck. Voraus die Gischt eines Marinebootes. In 150 Metern Entfernung zieht das Schiff einen Kreis um die Sandine. „Flag – German. In his right hand – mobile device“, tönt es von den Bordlautsprechern. Vier Mann im Ausguck. Einer an Deck. Am Bord-MG. In dessen Fadenkreuz – die Sandine. Ich lege die Wasserflasche aus der Hand. „Welcome to Israel!“, rufen sie dann.

Gut zwei Stunden wird es dauern, bis wir die Hafeneinfahrt erreichen. Davor schießen Surfer auf und ab. Die Wassertiefe sinkt. Ein Mann winkt uns an die Tankstelle direkt hinter der Mole. Ok. Machen wir dort fest.

Vier Stunden später pocht das Blut hinter den Schläfen. „Are you single?“ – „What’s your profession? Can I see anything you did on the internet?“ An dieser Stelle muss ich lachen. Und erkläre dem wenig amüsierten Sicherheitsbeamten die SiebenTageRegel aus dem Rundfunkstaatsvertrag. „Why do you come to Israel?“ – „What about your family?“ – „What about your Email-address?“ – „Why do you have two passports?“ – „Beirut?! Did you want to come directly?!“ – „WhyWhatWhyWhatWhy“ – … Irgendwann lache ich nicht mehr. Michael wird getrennt befragt.
Dann nehmen die Männer das Boot auseinander. Im Wortsinn. Die Tüte mit den Mitbringseln aus Mersin reichen sie mir mit spitzen Fingern. „What’s this?!“ Sie nehmen eine Sprengstoffprobe vom türkischen Honig. Eine von Dutzenden. Michas Brotbackautomat – unbenutzt und noch in Folie verpackt – verdächtig. Jedes Schapp und auch die Dreckwäsche wird umgestülpt. Einer von uns darf an Bord. Der andere muss auf die Pier. Dort wacht Assaf. Komponist sei er eigentlich. Für Filmusiken. Ich suche in mir nach einer Melodie für diesen SecurityCheckKrimi. Und bleibe stumm. „Die meisten Israelis trauen niemandem mehr“, sagt er. Seine Frau sei anders. Dafür liebe er sie. Unter Deck sieht’s aus wie bei Hempels unterm Sofa. Die Männer wollen Kajüten und Salon wieder herrichten. Wir winken ab. „Aber das soll nicht die Erinnerung sein, die Sie von der Einreise nach Israel haben?!“
Assaf nimmt die Gitarre aus meiner Kajüte. Setzt sich an Deck. Senkt den Kopf über das Gitarrenholz. Und stimmt die Saiten.

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