Ein Mann zwischen zwei Brücken

Stralsund; Rügendamm; Rügen; Insel; Segeln
Heinz Baschek †

Auf dem Rügendamm staut sich der Verkehr. Darunter auf dem Strelasund warten vier Segelbote darauf, dass die Klappbrücke über dem Ziegelgraben den Weg frei gibt gen Greifswalder Bodden. Fast lautlos ziehen die Gewichte Fahrbahn und Gleise nach oben. Die Boote passieren. Alles scheint wie immer.

Stralsund. Heinz Baschek steht fünf Meter von der Kaikante entfernt in seinem Wintergarten und wirft einen Staublappen in einen Blecheimer. Seit 14 Jahren wohnt er hier. Rechts vom Rügendamm und links von der neuen Rügenbrücke. Er stellt den Eimer auf den karierten Linoleumboden und setzt sich auf die Holzbank an der vertäfelten Zwischenwand. Sinkt zurück an die mit Kunstleder überzogene Lehne aus einem VW-Transporter, greift zu Zigarette und Feuerzeug.

Die Flamme entzündet Papier und Tabak, Baschek zieht, legt den Kopf in den Nacken und bläst den Rauch zur Decke. Er ist früh aufgestanden heute. Vor drei Tagen hat nachts um Vier eine Tischlerei gebrannt. Direkt hinter seinem Haus. Nun geht sein Schlaf, wenn der Morgen kommt. Über ihm schwingt an der Wand das goldene Pendel hinterm Glas einer Kastenuhr. Das Barometer daneben ist kaputt. Baschek im dunkelgrauen Wollpullover stellt es auf Schönwetter.

Über dem Pylon der Rügenbrücke treibt der Wind Regenwolken heran, und über dem Ziegelgraben schließt sich der Asphalt. Baschek zieht die Stirn kraus und reibt die Schläfen. Am Tag vor dem Brand ist er gestürzt in seinem Wintergarten. Ist daneben getreten auf der Holztreppe mit den drei Stufen, die ins Haus führt. Und mit dem Kopf in seiner Werkzeugkiste gelandet. Der Vorderzahn im Oberkiefer aber fehlt schon länger. Und wenn er spricht, sieht es aus zwischen den Zähnen, als gehe ein Wellenschlag durch seine Zunge.

Er redet viel an diesem Morgen. Noch sei er zu matschig in der Birne, als dass er irgendetwas anderes tun könnte als in den Tag hinein zu leben, sagt er. Baschek steckt sich die nächste Zigarette an. Dann steht er auf und geht die kleine Treppe hinauf in die Küche. Die Stufen federn nach unter seinem Tritt. Der Blick aus seinen hellblauen Augen misst den Wasserstand im Tank der Kaffeemaschine. Und während er die Ränder am braunen Papierfilter umlegt, Kaffee hineinfüllt und die Maschine anstellt, erzählt er von den Reichen und Schönen, die einst auf Sylt zu seinen Kunden zählten.

Schauspieler, Politiker und Vorstandseliten, die sich vom Physiotherapeuten Heinz Baschek die Muskeln lockern ließen. Ein dumpfes Rattern verschluckt seine Worte. Der Regionalzug aus Binz überquert den Rügendamm. Dann tutet ein Signalhorn. Noch ist der Ton zu hell, um auf hoher See gehört zu werden. Baschek geht ans Fenster und zeigt hinüber zur Volkswerft. Ein Containerfrachter liegt dort am Kai. Und an Bord lässt jemand erneut das Horn erklingen. Der Kaffee ist durchgelaufen, aber Baschek hat ihn vergessen.

Beiseite gefegt hat er auch seinen Traum vom Kapitänspatent. Seekrank ist er geworden. Vor allem auf dem Pazifik, sagt er. Und zieht das „a“ in die Länge, als wolle er einem die Weite des Ozeans in die Ohren tragen. Erzählt von einem Minensuchboot, das er gemeinsam mit einem Freund gekauft hat. Dann beugt er sich über den Tisch, stützt die Ellenbogen auf, legt das Kinn in die Hände und schweigt. Bascheks Blick verliert sich irgendwo im Blau der Volkswerfthalle. Regen fällt gegen die Fenster und zieht Schlieren auf den staubigen Scheiben.

Mittlerweile ist er Rentner. Es liegt keine Wehmut in seinen Augen. Vielmehr ein Flackern. Als sei er beunruhigt. Baschek steht auf, schiebt die rote Eingangstür zur Seite und eilt hinaus. Doch zwischen den Hallen und Baracken im ehemaligen Fischereihafen ist niemand zu sehen. Nur ein Däne hat mit seinem Einmaster längsseits festgemacht und sucht in der Kajüte Schutz vor den Schauern. Baschek geht zurück, umrundet die Pfütze, die sich aus dem Ablauf der Dachrinne speist wie ein Waschbecken aus dem Wasserhahn. Längst hatte er die Unebenheiten ausbessern wollen. Auch für die Gäste, die bei ihm ihr Bier hier trinken und Karten spielen.

Eine Kneipe ist sein Haus nicht. Baschek hat auch keine Konzession. 30 Anzeigen wurden deshalb gegen ihn erstattet. Er erzählt das, als hätte man ihm 30 Urlaubskarten geschickt. Sind alles Freunde, sagt er und grinst. Mit denen teilt er bei Wetter wie diesem auch seine gut vierzig Quadratmeter Wohnfläche. Viele beneiden ihn um dieses Leben hier, sagt Baschek. Wegen der Freiheit. Dass sie ihr Waschwasser aber in Kanistern ranschaffen müssten, würden jedoch die wenigstens von ihnen als freiheitlich empfinden, glaubt er.

Baschek neidet nicht. Er bewundert. Jene, die auf Containerfrachtern unter jamaikanischer Flagge den Ziegelgraben passieren etwa. Er spielt ihnen Lieder. So wie der „Welcome Point“ in Wedel. Da habe er die Idee geklaut, sagt er und grinst wieder. Der Flyer von den Kollegen an der Unterelbe klemmt neben der Kastenuhr hinter einer Holzleiste. Die hatten nichts einzuwenden gegen einen kleinen Bruder am Sund. Seitdem steht er vier Mal am Tag hinter der vertäfelten Wand, die den Wintergarten von seinem Musikhäuschen trennt. Zieht die weiße Spitzengardine vor dem Fenster zur Seite und legt eine der über 100 CDs ein. Die jamaikanische Nationalhymne ist auf keiner zu finden. Aus den schwarzen Trichterlautsprechern auf dem Dach knarzt dann stattdessen Harry Belafonte.

Bascheks Blick fällt auf den Lappen im Blecheimer. Den hatte er abgestellt, als die Brücke vor zwei Stunden zum ersten Mal hochging heute. Die Hymnen und Lieder aber hatte er da vergessen.

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