Igor. Und das Leben.

Das Buch, das er nach anderthalb Stunden überreicht, hat einen roten Einband. Fast so rot, wie die Lider unserer Augen. Nach anderthalb Stunden beieinander. Auf einer Bank im Park.  Er liebt die Frauen. Sagt Igor. Er liebt sie alle. Weil sie am meisten leiden mussten. Ohne Haare. In Lumpen gekleidet. Ausgerechnet Frauen – diese gütigen Geschöpfe.

Für Sina stiehlt er ein Tischtuch. Damit sie ihren Körper bedecken kann.  Sina stammt auch aus Charkiw. Charkiw im Nordosten der Ukraine. Wo sie Karten spielen in Igors Elternhaus, als das Radio den Krieg erklärt. „Ach was – in ein paar Wochen hat unsere Armee sie zurückgedrängt. Ach was.“

Ein wenig älter als Igor ist Sina, als sie sich treffen. Zum ersten Mal. Am Zaun, der die Frauen von den Männern, die Jungen von den Mädchen trennt. Brot schiebt er durch die Maschen. Sie teilt. Und bleibt hungrig. Er weint. Leise.

So wie auf der Bank im Park. Er hebt seine braune Ledertasche auf den Schoß. Fotos. Mit dem ukrainischen Präsidenten. Dem holländischen Militärattaché. Fotos mit vielen. Mit vielen nachdenklichen Gesichtern. Fotos mit Igor.

Professor ist er. Für Maschinenbau. Seine Studenten planen Fußballstadien. Leiten Wasserkraftwerke. Sind angesehene Wissenschaftler. Die Jünglinge nimmt er ran in den Seminaren. Bei den Damen kommt keine schlechter als drei davon. „Ich sage ihnen, sie sollen für sich studieren. Und sich nie von einem hier neben ihnen abhängig machen. Dann klappt das meistens mit der Note – von ganz allein.“

Von allein hätte sich Igors Leben nie geändert. Bomben auf Charkiw tun das. Er flieht. Nach Westen. Die Mutter nimmt er mit. Zu den Großeltern. Mehr als 300 Kilometer entfernt. 15 Tage ist er unterwegs. Dann sitzt er im Zug. Dann im Arrest. Wieder in einem Zug. Der fährt weiter. Weiter nach Westen.

Der Krieg geht. In Charkiw weint die Familie. Vor einem Gedenkstein. Vor Igor. Vor Малицкий Игорь Федерович. Begraben können sie ihn nicht. Was bleibt, ist der Name. Der Name jenes Mannes, der erst zurückkehrt nach Charkiw, als die Rote Armee auf den 21 Jahre alten Panzergrenadier verzichten kann. Zwei Jahre nach Kriegsende.

Igor hat sich zurückgelehnt auf der Bank. Er zieht eine Postkarte aus der braunen Ledertasche. Nummer: 188005. Ohren: abstehend. Geburtstag: 22.2.1925. Theresienstadt – Auschwitz – Mauthausen – Linz hat er überlebt. Und nun, sagt er, sei er mit 90 Jahren zu alt, um für seine Heimat – die Ukraine – an die Front zu gehen.

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