Charkiw – letzte Bastion der Ukraine?

Charkiw. Im Nordosten der Ukraine. Einst Hauptstadt. Und anders als Kiew. In Charkiw ist mehr Lada. Mehr Moskwitsch. In Charkiw ist mehr Krieg.

35 Kilometer weiter im Norden stehen russische Panzer und Artillerieverbände. Zehn- bis fünfzehntausend Soldaten. „Wir lassen sie nicht durch.“ Igor schüttelt den kahlrasierten Kopf. Igor aus dem 15. Freiwilligenbataillon im „Правий Сектор“. Der Ausbilder im Nahkampf. Die Nachtwache in einem Zelt in den ukrainischen Farben auf dem Platz der Freiheit. Die Geräusche heute Nacht? „Da wurde geschossen. Aber wir lassen sie nicht durch.“

Igors Worte stecken in der geballten Faust, die ein junger Russe Journalisten entgegenstreckt. Die andere Hand an der ukrainischen Flagge, sitzt er auf bis auf Kniehöhe gestapelten Sandsäcken. Er hat die russische Staatsbürgerschaft. Und russische Feinde, die nach ihm suchen. Er stehe auf der Terrorliste, sagt er. Geflohen sei er. Nach Charkiw. Um die Freiwilligen zu unterstützen. Im Kampf an der Grenze zu Russland.

Die Freiwilligen. Sie fahren zurück. Dorthin, wo das Friedensabkommen Minsk II wieder und wieder gebrochen, wo geschossen wird. Sie fahren zurück. In den Donbas. Nach Luhansk. Weil sie die Stille in Charkiw nicht aushalten. Erzählt Maksim. In der ehemaligen Bar eines noblen Hotels. Uniformen hängen an der Wand. Armeestiefel stehen darunter. Schlafsäcke. Patronen. Munitionskisten. Verziert mit Bauernmalerei. Dort berät er die, die irgendwann aufhören, aufhören müssen, Freiwillige zu sein. Und nun auf Hilfe angewiesen sind. Finanzielle. Psychologische.

Charkiw ist anders als Kiew. Charkiw ist Wissen. Physiker spalten den ersten Atomkern der Sowjetunion – in Charkiw. Charkiw ist jung. 200.000 Studenten lernen an mehr als 30 Hochschulen. Charkiw ist Kultur. Charkiw ist Krieg.

Die Flüchtlingszahlen, die Swetlana Ruban-Gorbunowa auf den langen Tisch im Konferenzsaal eines Sanatoriums wirft, gleichen denen in Kiew. Die Probleme auch. Sie sind nicht zu lösen. Vielleicht sind sie zu lindern. Auch das ist gleich. Angst, dass sich der Krieg bis nach Charkiw ausbreitet? „Конечно – natürlich“, sagt die stellvertretende Oberbürgermeisterin. 40 Minuten brauchen die russischen Panzer bis ins Zentrum der Stadt.

600 Patienten erholen sich außerhalb des Konferenzsaals. Herzinfarkt. Schlaganfall. Gelenke. Innereien. Kriegsverletzungen. Im Sanaotorium des Zentralen Komitees der Gewerkschaften der Ukraine wird offenbar so ziemlich alles kuriert. Ein Ort, an dem vor 25 Jahren ein Korn zu mächtig war für die Sanduhr.

Davon sehen wir einige. Die Siedlung „Московский“ im Osten der Stadt. Ein Drittel der Charkiwer lebt dort. In Sechs-, Zehn-, in Zwölfgeschossern. Die Farbe des Westens fehlt. Auf den Spielplätzen dazwischen stehen die Barren ausgebogenem Eisen. Steinerne Tischtennisplatten. Traktorreifen. Zur Hälfte im Sand vergraben. Wofür waren die noch mal. …

Im Stadtteilzentrum der Siedlung teilen sich Alexander und Lilia aus der Nähe von Luhansk ein Zimmer. Mit zwei weiteren Frauen. Seit fünf Monaten. Abgetrennt durch Stellwände. Tränen fließen nach der zweiten Frage. Ein paar Zimmer weiter singen Senioren zum Akkordeon.

Eine andere Siedlung im Osten der Stadt. Stiefmütterchen in handtuchgroßen Vorgärten. Kartoffeln. Frisch angelegte Wege aus Pflasterstein. Die Dorfmitte – ein Spielplatz. Drum herum reihen sich die Container. Container aus Nürnberg. Für 400 Flüchtlinge. Gedacht für die kommenden drei Jahre.

An der Schnellstraße in den Norden der Stadt preisen Reklameschilder Käse aus Holland. Wohnungen für 180.000 Hriwnja. 7826 Euro und acht Cent. Die zahlt der vorbeirauschende Interessent an. Die restlichen zwei Drittel des Kaufpreises ab. In Raten. Je nach Kreditkondition. Oder er steigt aus und kauft ein Bassin. Bezahlt in bar bei der Frau, die unter einem Sonnenschirm auf Kundschaft wartet.

In einem Wald im Norden von Charkiw warten Mütter. Kleine Kinder. Alte Männer. Darauf, dass sie eine der weißen Plastiktüten bekommen – gefüllt mit Lebensmitteln. Die Fenster in den einst prächtigen Holzhäusern sind undicht. Die Dächer auch. Marode die Wege.

Heranwachsende Jünglinge räumen einen Kartoffelkeller leer. Tragen Bettgestelle herauf. Rostige Ofenrohre. Ein altes Waschbecken. Wer nicht untergekommen ist in dem ehemaligen Ferienlager „Kamille“, nicht im Containerdorf oder im Stadtteilzentrum, der wartet auf das Ende des Krieges bei Freunden oder Verwandten. Zwei, drei Monate – länger wird das wohl nicht dauern. Denken die Ukrainer, als Putin die ersten Panzer auffahren lässt vor anderthalb Jahren. Nun sind sie Dauerbesuch. Bei Brüdern. Tanten. Kommilitonen. Kollegen. Großeltern. Besuch ist wie Fisch. … Auch in der Ukraine. Auch in Charkiw. Auch im Krieg.

Zurück im Zentrum und etliche Stunden später – Karaoke im Park. Sommer säuselt in der Luft. Kinder schaukeln um die Wette. Die Stühle um die kleinen Kioske sind besetzt. Eis. Shakes. Bier steht auf den Tischen. Ein dumpfes Knallen. Stille. Rums. Wieder ist es still. Dann folgt in kurzen Abständen: Rums. – RumsRums. – Rums. Der Tisch nebendran verstummt. Eine junge Frau dreht den Kopf. Mit großen Augen sieht sie dem Grummeln hinterher. Zwischen den Blättern der haushohen Bäume – der Widerschein von Raketen. Feuerwerk.

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