Die Mutter aller Neugier

In den vergangenen Tagen ist wieder viel geschrieben worden. Darüber, was Journalismus ausmacht. Darüber, was Journalisten ausmacht.

Keine Frage: Es sind der Biss, die Genauigkeit, das Wählen der Worte, der Bilder, der Töne. Es sind die Fähigkeiten, Themen zu erschließen und Geschichten zu erkennen, und mehr noch als zu Zeiten unserer Vorfahren: sich zu verkaufen. Was fehlt in der obigen Aufzählung, sind Mut und Neugier.

Nun kann man sich darüber streiten, ob es mutig ist, in 100 Metern Höhe auf der Gondel eines Windrades zu hocken, um über die Weite der Landschaft zu träumen. Oder in einer Kleinstadt ohne Ansehen des Bürgermeisters über Kommunalpolitik zu berichten. Alles kein Vergleich zu jenen, die ihr Leben riskieren. Kein Vergleich zu jenen, die Politkowskaja heißen oder Byron Baldón.

Mut also ist nicht gleich Mut. Manchmal ist er auch Notwendigkeit, um Journalist zu sein.

Ich schätze mich glücklich, meinen Mut anders unter Beweis stellen zu dürfen. Einen Mut, der es mir leicht macht, meine Neugier walten zu lassen.

Eine Neugier, die mir nun etwas vors Haus gespült hat, das meinen Mut jedenfalls auch erfordert. Pirat. Segelboot. Mit Ausreitgurten.

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Ein Sternchen für Felix

Es wird kein Foto geben in dieser Geschichte. Und auch keinen Namen. Jedenfalls keinen richtigen. Ich werde zum ersten Mal ein Sternchen hinter Felix setzen. Ein Sternchen für „Name von der Redaktion geändert“. Der Leser wird nicht erfahren, wo die Geschichte spielt. Nur wie sie spielt. Die Geschichte von Felix.

Fast 16 Jahre ist er alt. Groß wie ein Mann. Und massig. Hinter der aufgeworfenen Oberlippe stößt die Zunge an die schiefen Zähne. Manchmal. Bei Worten wie „Deutschland“. „Scheiße“. „Geschnetzeltes“.

Felix arbeitet. In einem Projekt für benachteiligte Jugendliche sticht er Spaten in die Erde, reißt Sträucher raus oder hackt Holz. Sein großer Bruder passt auf, dass er morgens pünktlich am Treffpunkt ist. Dort, wo die Betreuer mit ihm den Tag beginnen. Mit ihm und den anderen.

Sein großer Bruder ist bekannt – dort, wo Felix lebt. Polizeibekannt. Deshalb, sagt Felix, sollte aus ihm ja immer etwas Besseres werden. Längst stehen Raub, Körperverletzung, Diebstahl in seiner Akte. Dass er trotzdem Sträucher rausreißen und Holz hacken darf, verdankt er dem Jugendstrafrecht. Die falschen Freunde, sagt Felix. Und klingt wie einer der Sozialarbeiter, die sich um ihn kümmern. Die Freunde brachten ihm bei, Autos zu knacken, Passanten zu überfallen, Zigaretten zu drehen.

Nun hat Felix neue Freunde. Sie nehmen ihm die Zigaretten weg und den Alkohol. „Die achten auf meine Gesundheit, auf die kann ich mich verlassen“, sagt er. Felix isst auch keine Pizza mehr. Keinen Döner. Und schon gar nicht bei McDonald’s. „Besatzerfraß“, sagt er.  Dieses Wort haben sie ihm  beigebracht. Die neuen Freunde.

In der Akte steht nun auch Volksverhetzung. Doch Felix ist gut informiert. Die Hakenkreuze auf seinem Handydisplay zeigt er nur dem, den er nicht fürchtet. Aber dort, wo Felix lebt, fürchten sie ihn. Denn die neuen Freunde stehen hinter ihm. Allen voran der mächtigste. Der große Bruder.

Sie brachten ihm bei, Menschen zu jagen und auf sie einzuschlagen. „Prügeln“, sagt Felix, „hilft, Rachegefühle zu entwickeln. Den Körper zu spüren. Um im richtigen Moment das eigene Leben zu riskieren – für das Deutsche Reich.“

Sie brachten ihm auch bei, zu singen. Strophe für Strophe und mit rauer Stimme. Lieder von Vaterland und Sturmbannführer. Davon, dass die Bäume nicht ausreichen, um alle Türken daran aufzuhängen. Er lacht dabei. Und weicht Fragen nicht aus. Warum er glaubt, dass es den Holocaust nicht gab? Ein Video habe er gesehen. In Auschwitz sei er gewesen. „Wie die die Juden dort gemeuchelt haben sollen – das ist krank. Das ist gestört.“

Felix freut sich auf einen Tag in zwei Wochen. Dann treffen sich seine Freunde von nah und fern. Im Wald hinter dem Dreesch. Einem Plattenbauviertel, in dem der Putz von den Wänden bröckelt. Dort zwischen den Bäumen wird Frank Rennicke auf der Bühne stehen. Er wird auf seiner Gitarre zupfen. Und Lieder singen – von Heimat, Zusammenhalt. Von seinen und der anderen Toten, die für Hitler ihr Leben ließen. Von Rudolf Heß. Und Felix wird seinen kleinen Augen zusammenkneifen. Ein wahrer Bursche wie er – dem tränen nie die Augen. Der weint nicht. Nein.

Getippt. Und verraten. + Nachtrag

 

Schrift ist etwas Elementares. Erst recht die Handschrift. Die auf das Papier getinteten Buchstaben. Ob leserlich oder unleserlich, war für mich nie die Frage.

Viel entscheidender: In welcher Neigung landen sie im Kalender. Auf einem Schmierzettel. Oder in einem Liebesbrief. Links gekippt geht nicht. Links gekippt und dazu „a“, „u“ und „e“ in breiten Rundungen geht gar nicht.

So einfach habe ich mir das mal gemacht. Die Leute allesamt über einen Buchstaben geschert. Dass es tatsächlich Untersuchungen darüber gibt, was das Schriftbild über einen Menschen aussagt, weiß ich wohl. Einem Graphologen werde ich meine Buchstaben dennoch nicht vorlegen. Einem kostenlosen OnlineGraphologen schon mal gar nicht.

Schrift/Abbildung: Parole von www.fontshop.de
Schrift/Abbildung: Parole von www.fontshop.de

Ausgangspunkt für diese Gedanken: Die Recherche für ein Projekt. Nun könnte ich mich in diesem Zusammenhang über ein CMS auslassen, das den Mittelteil im Worte nicht wert ist. (Reichlich viele „nicht“ in diesem Post – umwandeln, bitte.) Aber ich lasse das mal beiseite. Dennoch ist es dieses CMS, das mich zu dieser Recherche gezwungen hat.

Nein. Ich werde nicht rebellieren. Der Juno ist längst vergangen. Es. Ist. November. Und den Termin hätte ich bis dahin längst vergessen. Und den Schäuble vermutlich auch.

Ich suche Schrift. Genauer gesagt, Schrifttypen. SchreibmaschinenSchrifttypen. Um ganz genau zu sein. Und bin sehr erstaunt, was sich da alles im Netz findet. Wer auch mal danach sucht, kann sich etwa auf nachfolgenden Links umsehen:

fontriver.com oda

myfont.de oda

schriftarten-fonts.de.

Runde gibt’s da auch. …

NACHTRAG

Ok. Ich konnte es nicht lassen. Und habe diesen Test gemacht. Und nachfolgenden Text in der mir eigenen Handschrift zu Papier gebracht.

Und das Ergebnis der OnlineGraphologie sagt dazu:

„Die Deutung der Handschrift brachte folgendes Ergebnis:

Nicole Buchmann ist selbstbewusst und bereit,
ihre Stärken auch anderen zu zeigen.
Sie ist locker und großzügig.

Chefs sind nun mal so.

Sie ist sinnlich, warmherzig, gemütlich und phantasievoll.
Im Großen und Ganzen wirkt sie gelassen bis uninteressiert,
wenn sie aber von einer Sache überzeugt ist, überrascht sie
ihre Umwelt durch ihr überschwängliches und begeisterungsfähiges Auftreten.

Sie ist lebhaft und kontaktfreudig.
Mit viel Verständnis für die Belange anderer.

Sie arbeitet sehr genau und zeichnet sich durch rationales, analytisches Denken aus.

Nicole Buchmann wirkt oft etwas nervös und wenig entspannt.


Diese Deutung wurde auf den Seiten von www.graphologies.de erstellt.“

Geschrieben. Und verraten.