Sandine, ich komme.

„Coffee?! Just on friday. – I was travelling for nearly 40 hours. Just a small cup of black coffee, pleeeeease.“ Die Frau hinter der Bar in der Bocas Marina schüttelt lächelnd den Kopf. Ok, denke ich. Offenbar nichts zu machen. Ein Blick in den Kühlschrank lässt mich eine Dose Cola bestellen. Eine zweite für Micha, der seit seiner Ankunft in der panamaischen Inselmarina vor zwei Tagen auch auf Koffein verzichten musste.

Paris-Rom-Erkner. Hierherzukommen, gleicht mitunter einem Irrweg. Bis Panama-City ein Kinderspiel. Am riesigen und kreischenden Busbahnhof Albrook angekommen nach zwölfstündigem Flug, jedoch ist mal wieder Improvisation gefragt. „Closed“, sagt die Frau am Schalter, aus dem sie die Tickets für den Nachtbus nach Almirante verkauft. Die Familie vor mir schleppt ihr Gepäck glücklich von dannen. Der guten Vorbereitung sei dank, wechsele ich an den Schalter daneben. Dort verkaufen sie Tickets nach David. Immer noch knapp drei Stunden entfernt von Almirante. Aber dem Städtchen immerhin schon 400 Kilometer näher. Und: lieber die Nacht im kleinen David verbringen als im Busbahnhof in Panama-City. Kurz nach eins in der Nacht kippt der Busfahrer die übermüdeten Passagiere auf die Straße. Ein paar Männer sitzen auf Bänken, Hunde streunen heulend umher. Ansonsten Stille. Mütze abnehmen, Schal verstauen, Jacke aus. 28 Grad unter dem Palmen, 18 auf den Sitzen des Reisebusses. Auch davor hatten die Blogger in ihren Berichten über die Anreise nach Bocas del Torro gewarnt.

Nächster Bus nach Almirante: 4 Uhr. Nun. Was sind schon drei Stunden. Ein bisschen Wasser ist noch in der Flasche, der Magen still. Überall Zigaretten – durchgestrichen in roten Kreisen. Och nee. Ein paar Schritte beiseite vom kleinen Busterminal verglimmt sie dann trotzdem in der tropischen Nacht. Nach einer zweiten brummt ein Kleinbus vorbei. Im Fond in Leuchtschrift „Changueliona“. Oha. Der Bus zur Sandine. Eine Stunde früher als auf einem Zettel angeschlagen. Mit Platz für 25 Leute, fährt der dann knapp 50 Menschen halb aufeinander über die Schlaglöcher Panamas gen Norden.

Kurz nach sieben auf einem Wassertaxi. Die Sonne steht längst über Panama. Der Capitan brettert über die Bahia Almirante. Gischt legt sich auf die müde Haut. Fast geschafft. Der Mann dann auf dem Wassertaxi zur Marina will drei Dollar, zwei sind’s regulär. Egal. Das Leben wird’s richten. Nur noch ankommen. Und dann einen Kaffee trinken. Nein. Es ist ja erst Mittwoch.

Weiter, immer nur weiter

Wir sitzen zu dritt auf der Rückbank eines Kleinwagens. Der Größte von uns winkelt die Knie auf dem Beifahrersitz an. Es geht hinaus aus Beirut. Entlang der Ausfallstraße gen Westen. Vorbei am Flughafen. Ein Militärjeep hupt sich die zweispurige Straße frei. Die Wagen – dort Stoßstange an Stoßstange – wechseln von links nach rechts. Hupen im Dauerbetrieb. Die Hand am Haltegriff.
Wir fahren durch einen Tunnel. Stockfinster. Der Strom ist aus in Beirut zwischen sechs und neun Uhr in der Früh. Wer Kaffee kochen will, das Smartphone laden oder die Waschmaschine anwerfen, hat entweder einen Gasherd, macht das später oder bezahlt 60 US-Dollar für den Generator – zusätzlich zu den 20 Dollar monatlich für Elektrizität. In den Straßen Beiruts ein Spinnennetz von Stromkabeln. Es legt sich an die Hauswände, verzweigt sich über den Gassen und verschwindet in Klimaanlagen, Kühlschränken und Fernsehern. In den Fassaden provisorische Löcher dafür. Wer mehr braucht, geht zum Nachbarn. Der bindet das nächste Kabel dann am Balkongeländer fest.
Der Tunnel ist lang. Statt Scheinwerferlicht blinken die Warnleuchten der vorausfahrenden Autos. „That’s how we do in Libanon!“, ruft Mahmoud nach hinten auf den Rücksitz durch das Wehklagen eines Mannes aus den Lautsprechern. Der Mann singt von der Liebe. Kaum anders kann es sein. Noch immer geht es durchs Dunkel entlang grauschwarzer Betonwände. „What do you think?!“, will Mahmoud wissen. Wie viel koste es wohl, einen Quadratmeter Betonwand zu streichen. Wir heben die Schultern. „Tell us. – 10 000. – Lebanese pounds?! – No! Dollar!“ 10 000 Dollar für Farbe auf einem Quadratmeter Tunnelwand. Die Firma bekomme eine Hälfte des Preises, die Regierung die andere. „But we stopped it!“ Sabaa. Seven. Sieben. Die Partei mit dem VictoryZeichen ist „wir“.
Gleißendes Licht am Ende des Tunnels. Im Dunst der gut 30 Grad erheben sich die Berge. „This is my area!“, sagt Mahmoud und beschreibt einen Halbkreis. Verantwortlich für 300 000 Frauen, Männer und Kinder sei er. „We are the only party on the ground.“ Punkt. Die einzige Oppositionspartei. Die einzige, die sich nicht die Taschen voll mache. Die den Preis für Benzin nicht um ein Viertel erhöhe, damit ein weiterer Audi A8 durch dunkle Tunnel fahre. Die nicht für jeden Stempel auf einem offiziellen Dokument die Hand aufhalte. „Corruption is worst thing in Libanon. And the whole world knows.“
Wir verlassen die Welt der Großstadt. In den Serpentinen nimmt die Gegenfahrbahn die Fliehkraft aus der Kurve. Gibt es Mirabellen, die Mahmoud kurzerhand einem Straßenhändler abkauft. Samt einer Hand voll Salz. „This is the only time you can eat it. In 14 days there are sweet.“ Reif, würden wir sagen. Wir halten vor gewaltigen Mauern aus Sandstein. Hinter dem schweren Eisentor bittet ein Mann um Geld für den Eintritt in den Präsidentenpalast aus dem 5. Jahrhundert. „I’m free of charge“, sagt Mahmoud. Seine Vorfahren hätten den Palast begründet. „I will show you.“