Sonntags in St. Laurent

„I am liking you.“ Robinson in grünem Poloshirt und blauen Shorts steht neben mir, sieht mir ins Gesicht. Gut eine Stunde zuvor haben wir die ersten Worte gewechselt. Beim Warten auf den Karneval in St. Laurent. Ein paar Familien haben Stände aufgebaut an den Straßenecken, verkaufen dort Popcorn, Cola, Fanta, Wasser, Heineken in Dosen. Bunte, aufblasbare Plastikhämmer und allerlei Tünnef mehr. 

„Do you like carneval? – Not at all – Et tu? – Oui! – Et pourquoi?! – Because dancing!“ Robinson lässt die Hüften kreisen. Noch aber kommt die Musik nur aus den Kopfhörern seines Telefons. 21 Jahre alt ist er. Als er mein Alter hört, guckt er, als hätte ich ihm offenbart, seine Großmutter zu sein. Schweigen. 

Die erste Gruppe trommelt sich vom Ende der Straße herauf zum Marktplatz. Den Rhythmus mit den Füßen in die Erde stampfend, um ihn von dort wieder aufzunehmen und in zuckenden Bewegungen durch Beine, Rumpf und Arme zurück bis zum Kopf zu geleiten. Robinson fragt etwas. Es klingt nach „marier“. Mir klingt das zu sehr nach „marriage“. Ich stell‘ mich doof und schüttele fragend den Kopf. „Tu! Common moi! Marier!“ Also doch. Ich kann noch doofer, ziehe die Schultern hoch. „Je ne comprends pas. Sorry.“ 

Ich brauche Abstand. Und habe Hunger. Längliche Fladen, frittiert, die will ich. Und ein Stück vom Kuchen. Die Fladen sind gefüllt mit irgendetwas Süßem – ein Genuss. Robinson guckt. Ich biete ihm etwas an. „Non, non!“ Abwehrend hebt er die Hände. 

Die nächste Frage. Ob ich ihm Geld gebe. „Money! Do you know money?!“ Yes. I know money, sage ich. 50 Dollar. Ich solle ihm 50 Dollar geben. Ich sehe ihm in die Augen. „I don’t have dollars. – Euro. 50 Euro. – Pourquoi? – Pour manger.“ Für Essen. Ein letztes Lächeln erstirbt. In beiden Gesichtern. 

Auf meinem kehrt es zurück, als ich Fred wiedertreffe. Den Pressesprecher von St. Laurent. Weil seine Mitarbeiter krank sind, muss er arbeiten an diesem Sonntag. Durch den nächsten Regenschauer stapfe ich zurück zur Marina. An Bord wird das Abendessen beratschlagt. Franco holt Pizza von Land. Gut eine Stunde später kehrt er zurück. Zwanzig Euro weniger im Portemonnaie und ohne Pizza. Die hat ihm ein RollerFahrer aus der Hand gerissen und sich von dannen gemacht. 

Leben am Maroni

Wenn der Morgen anbricht und an Deck Stille ist, weil alles noch schläft, winkt der ReinigungsProtz „Monsieur Propre“ aus den Wellen des Maroni. Hintendrein schwimmen eine CocaCola, wahlweise eine Flasche Bi der Marke Kronenbourg, ein veritabler Baumstamm – der glücklicherweise in ausreichendem Abstand. 

Schreitet der Tag voran, trifft sich die Jugend zum Barfußball am Flussufer. Zirkelt und drippelt den leichten Plastikball über den Rasen hinein ins Tor zwischen zwei Schuhen. Behände springen die Jungen über brusthohe Geländer. Stemmen sich mit den Fußsohlen links und rechts eines Mangobaumes hinan zur süßen Frucht. 

Dass die ausreichen, um eines der zahlreichen Autofenster einzuwerfen, die notdürftig mit Folie und Klebeband geflickt sind, ist zu bezweifeln. Ein Wagen mit heilen Scheiben ist hier eine Seltenheit. Die Autovermietung verlangt auch deshalb 1800 Euro Selbstbeteiligung. 

Selbst ist der Mann. Der junge Surinamese steht in einem Fass am Flussufer, frittiert irgendetwas, das mit Hühnchen oder Schwein gefüllt ist und ganz wunderbar schmeckt. Dazu reicht er selbstgemachte Säfte, etwa GurkeZitrone – sehr zu empfehlen. Zum Dessert zergeht ein MandelSchokoKeks auf der Zunge. Imbiss a lá St. Laurent.

Nur ein paar Meter weiter nutzt ein anderer Mann die Regenzeit, um seinen Imbisswagen um einen Unterstand zu erweitern. Fünf aufeinander gestapelte Plastikstühle ersetzen die Leiter, die er braucht, um die Querbalken zu befestigen. Vorm Haus gegenüber zücken die Bewohner eine Kamera. 

Einkaufen. Fast wie in Europa.

Shoppen. „One of my favourite thing to do“, sage ich zu Flo und verziehe das Gesicht. Für 21 Euro erstehen wir drei Stücken Fleisch. Fürs Abendessen an Bord. Nach vier Restaurants und drei Pleiten investieren wir die mindestens 25 Euro pro Person lieber in Selbstgekochtes. Dank sei Franco. 
Weiter geht es zu den Gemüseständen. 73 an der Zahl. Mindestens. Männer, Frauen, Kinder preisen ihre Waren. „Tomato, Mademoiselle?! – Merci – Banana, Madame?! – Merci.“ Auberginen, etwas, das aussieht wie Paprika, kleine rosafarbene Hütchen, die so lustig aussehen, dass ich sie probieren will. Pommes de rose ist beim Reinbeißen fest wie eine Paprika. Das Fruchtfleisch wenig saftig. Auf der Zunge bleibt ein Geschmack von Zitrone. Für einen Euro wandern 14 rosafarbene Hütchen in eine Plastiktüte und dann und nach in meinen Mund. 
Es ist Regenzeit in FrenchGuyana. Die Straßen dennoch staubig. Der Wind trocknet sie im Nu‘ und bringt süße Erinnerungen aus der Heimat. Vorbei an baufälligen Hütten aus Holz, aus deren Fenstern dünne Vorhänge wehen und riesige Satellitenschüsseln das Fernsehprogramm übertragen, ans Ende von St. Laurent du Maroni zum großen Supermarkt.

Samstagvormittag. Der Parkplatz bis auf die letzte weiß gekennzeichnete Fläche gefüllt. An den Kassen Schlangen von Einkaufswägen, gefüllt fürs Wochenende. In den Regalen grüßen Europa und französische Preise. Gut um die Hälfte teurer sind Obst und Käse. Die Flasche Wasser kostet gar vier Mal so viel. Mein Bummel durch die Gänge währt nur kurz. Die doppelte Zeit warte ich an der Kasse. Die dreiköpfige Familie vor mir vertreibt eine junge Frau, die sich in der Schlange nach vorn mogeln will. Es ist nicht die, die mir bei meinem ersten Einkauf dort ihre Waren zum Bezahlen unterjubeln wollte. Erfolglos. Flo streift derweil weiter durch den französischen Konsum. Die Familie bezahlt. 162,02 Euro. Im Wagen nur Essen. 
Die Bordsteinkante draußen wird die darauffolgenden vierzig Minuten mein Beobachtungsposten. Ohrring und Piercing schmücken die dunkle Haut. Die weiße zieren Tatoos. Kaum einer oder eine, die auf Körpeschmuck verzichtet. In den Gesichtern selten ein Lächeln. Mehr Trägheit – wohl ob der feuchten Hitze. Ein Opel, der schon beim Lenken auseinander fallen will. Ein tiefer gelegter Golf mit schwarz getönten Scheiben. Ein Audi mit Alufelgen. 

Wir schleppen die Einkäufe zurück in die Marina. Vorbei an jungen Männern, die Schnaps und Cola auf einem Motoroller parken. Samstagmittag in St. Laurent du Maroni.  

Kriminell wird man schnell

Ein Schiff gehört aufs Wasser. Keine Frage. Dass wir seit drei Tagen an einer Boje im Fluss hängen, finde ich nur begrenzt amüsant. Kein Strom. Kein Wasser. Das ist noch nicht einmal problematisch. Was meinen Herzschlag erhöht, ist das Übersetzen mit dem Dinghi. Gebaut in Brasilien. Aus einer Form, die noch nicht allzu oft zum Dinghi wurde zuvor. Das alte hatten sie Micha auf den Kapverden gestohlen. Samt Motor.
Das neue – nun – erinnert an einen Optimisten. Diese kleine eckige Kiste, mit der die Stepkes Segeln lernen. Überall auf der Welt. Auch hier auf dem Maroni. Michas Dinghi nun hat zwei Ruderdalben und einen Motor. Ist ohne Schwert aber kippeliger und sehr viel kleiner als ein herkömmlicher Angelkahn. Und der Fluss ein übermächtiger Gegner. Mit einer Flut, die das Wasser Wellen schlagen lässt wie auf der Ostsee. Übersetzen ist dann unmöglich. 

Ein Mal an Land, genießen Micha und ich einen Frühstückskaffee und ein Croissant bei David im MarinaOffice. Wir wollen noch bei dem jungen Mann vorbei, der hinter zwei schweren Gittertüren seinem Geschäft nachgeht. Wer zu ihm will, muss klingeln. Wer kaufen will, braucht einen Identitätsnachweis.

Micha will kaufen. Er blickt voraus auf die Überfahrt von Trinidad nach Martinique. Auf einer stillgegelegten Ölplattform haben sich Piraten verschanzt. Sie warten dort auf die, die auf schnellstem Weg ihr Ziel erreichen wollen. Dass laut Statistik der genau so oft verletzt wird, der sich wehrt gegen einen Angriff der Piraten, wie der, der sich kampflos alles nehmen lässt, führt den Pazifisten Micha also hinter die zwei Gittertüren. 

Dunkel ist es. Eine Klimaanlage kühlt den kleinen Raum auf gefühlt 18 Grad. Hinter den Vitrinen Winchester, Baretta, Taurus. Mit einfachem Lauf, mit doppeltem. Revolver, Macheten, Gummischleudern. Daneben das Todbringende für Fische. Angeln, Köder, Sehnen. Der junge Mann holt unterm Tresen eine Pappschachtel hervor. Munition, sieben Millimeter. Dass er nicht töten, nur erschrecken will, wenn er mit der Pumpgun durchlädt, erklärt Micha dem jungen Mann. 

Zwei Männer betreten den Laden. Einheimische. Begleitet von einer Frau. „Bonjour“, sage ich und lächle. Der GunShop – ganz offensichtlich kein Ort für Freundlichkeiten. Nur ein paar Meter weiter landen die KokainBoote an am Ufer des Maroni. Manchmal bringen sie auch illegal geschürftes Gold. 

Wir sollen wiederkommen, sagt der junge Mann. Er will versuchen, die Pumpgun in Cayenne zu besorgen. Zurück zum Dinghi also. Zur herzrasenden Überfahrt. Das Ruchlose des Waffenladens hat mich gepackt. Ein Optimist fährt unter Segel. Kurz denke ich darüber nach, ihn zu stehlen. 

Ein Fluss zwischen zwei Welten

Neun Jahre alt und schwanger. Das sei Rekord, sagt David. Der Marinabetreiber hat uns in seinen Citroën geladen, kurvt uns durch St. Laurent du Maroni und erzählt. Dass Mütter ihre zehn Jahre alten Töchter schwängern lassen. Weil es Geld gibt vom Staat für jedes Kind, das geboren wird in FranzösischGuyana. 450 Euro pro Kind. Pro Monat. Sie tun das, weil sie nach sieben, acht eigenen Kindern selbst keine mehr bekommen können. Und das Geld an sie geht, so lange die eigenen Kinder noch nicht volljährig sind. Die Frauen aus Surinam, die Frauen von der anderen Seite des Flusses. 

Der Maroni – Ländergrenze, Grenze zwischen arm und es reicht zum Leben. Mehr als 200 Pironi queren das schlammbraune Wasser jeden Tag. Die aus Baumstämmen gebauten Boote mit den starken Motoren bringen die in St. Laurent geborenen Kinder aus Surinam zur Schule. Denn wer in FranzösischGuyana zur Welt kommt, hat die Pflicht, zu lernen. Sonst streicht Frankreich die 450 Euro pro Monat.
So spazieren die Mädchen und Jungen entlang pittoresker Häuschen mit hölzernen Fensterläden, getüncht in lila, hellblau oder grün die Straßen hinunter, entlang der der kleinen Lebensmittelläden, die fast ausnahmslos von Chinesen betrieben werden. Vorbei an Kaffeehäusern, Bars und Lokalen, aus denen das Palaver der Männer über 15 schallt. Der Väter all‘ dieser Kinder. 

Fucking for money, nennt David das. Und erzählt, dass das Durchschnittsalter unter den offiziell 40000 Einwohnern in St. Laurent bei 15 Jahren liegt. Dass die Jugendkriminalität hoch sei. Dass es für die sieben, acht Geschwister oft keine richtige Familie gebe, weil die Anzahl der Väter nicht selten die der Geschwister sei. Und die sieben-, achtfachen Mütter wohl darauf achteten, dass die Mädchen und Jungen das Pironi zur Schule besteigen, die Achtsamkeit sonst jedoch ziemlich gering ausfiele.

So gering, dass die Kinder von heute die Schmuggler von morgen sein werden. Die Pironi – sie bringen nicht nur Mädchen und Jungen mit Schulrucksäcken über den Maroni, sondern auch tonnenweise Kokain.