Große Ferien in Block V – Prora lebt

Den Koloss von Rügen nennen sie sie. Größenwahn. Unverwüstlich. Für die ehemalige „Kraft-durch-Freude“-Anlage in Prora auf Rügen gibt es viele Worte. Das neue klingt ungewohnt freundlich: Jugendherberge. Seit Anfang Juli übernachten Gäste in Block V. 400 Betten sind gemacht für Familien, Jugendliche und Einzelreisende. In Block V – 150 Meter lang, fünf Etagen hoch, Fenster und Türen angeordnet in militärischer Symmetrie.

Was zählt, ist Ruhe

Kurz nach 10 Uhr am Morgen aber sind die langen Flure verwaist, ist der Speisesaal leer. Es ist Sommer an der Ostsee. Tageweise. Wenigstens. Vor der breiten Treppe hinauf zum Haupteingang wartet eine Gruppe Jugendlicher. Ein Mathematik-Leistungskurs aus Berlin. Bunte Badetücher um Hälse und Hüften geworfen. Die Gymnasiasten wollen lesen, abhängen und entspannen am Strand. Trubel, sagt Luise Ciesla, den habe sie genug in Berlin. Einfach mal erholen – dafür brauche sie keinen Club, keine Disco – nur das Meer. Und die Ruhe.

Geschichte schimmert durch die Decke

Die 18-Jährige hat sich beim Frühstück den Bauch vollgeschlagen. „Ein tolles Buffet – gesund und eine Riesenauswahl“, sagt sie. Im Sechs-Bett-Zimmer der Mädchen ist auch Urlaub. T-Shirts, Handtücher und Rucksäcke liegen auf den Matratzen der Etagenbetten. Wasserflaschen und Kekse haben einen Fensterplatz. Von dort fällt der Blick auf die Ostsee – aus jedem einzelnen der Herbergszimmer. Luises Kurskamerad Niklas Reemann zeigt nach oben an die Betondecke. Dort schimmert die historische Verschalung durch den weißen Anstrich. „Toll, dass man noch sehen kann, dass es sich um ein altes Gebäude handelt“, sagt der 19-Jährige. Und dass aus einem solchen Haus etwas für Jugendliche entstanden sei.

Prora – eine Vision

Das Deutsche Jugendherbergswerk hat sich für dieses Haus einen Visionär geholt. Einen, der nicht lange fackelt, wenn es darum geht, Probleme zu lösen. Und davon gab es viele beim Wandel von jahrzehntelanger Leere hin zu einem belebten Gästehaus. Der Mann für Prora heißt Dennis Brosseit. Er sitzt in seinem Büro unmittelbar neben der Rezeption. Bis auf einen Stuhl, den Schreibtisch und zwei Regale findet sich dort wenig. Ein E-Piano steht an der Wand direkt neben der Tür. Ablenkung – wenn’s mal rund gehe, sagt der 36-Jährige.

Ausgebucht von Anfang an

So wie am Tag vor der Eröffnung. Als endlich und gerade noch rechtzeitig die Bauabnahme erfolgte. Brosseit schmunzelt. Seitdem gingen 36.000 Essen über den Tisch, zählte er 10.166 Übernachtungen. Ausgebucht von Anfang an – der Jugendherbergsleiter sagt das nicht ohne Stolz. Er weiß, dass die Neugierde groß ist. Dass Prora, die Ostsee und die Natur auf dem 41 Hektar großen Areal einen Großteil dessen ausmachen, warum die Menschen aus Nordrhein-Westfalen, Berlin, aber auch aus Mecklenburg-Vorpommern dort ihren Urlaub verbringen.

Wo Staaten bröckeln

Und die Neonazis – ob die auch neugierig seien, wird Brosseit oft gefragt. Zu oft vielleicht. Denn er rollt dabei die braungrünen Augen gegen den milchigen Augusthimmel. Nein – die Nazis hätten sich noch nicht blicken lassen, sagt er. Prora habe eine Vergangenheit – so wie auch jeder Mensch eine habe. Ein Wallfahrtsort – das, sagt Brosseit – werde seine Jugendherberge nie. Weder für die Linken noch für die Rechten. „Wenn man irgendwo totalitäre Staaten bröckeln sehen könnte, dann hier“, sagt er und zeigt 150 Meter weiter ans Ende seiner weiß gestrichenen Jugendherberge – dorthin, wo sich die anderen KdF-Blöcke anschließen. Wo die Fenster mit Spanplatten, die Eingänge zugemauert sind, wo Gerippe aus Beton Fotomotive für Touristen bieten.

Leben statt Leere

Der Düsseldorfer Brosseit will mit seinen 32 Mitarbeitern vor allem eines bieten – Erholung. Er zeigt auf Fußballfeld, Basketballkörbe und Tischtennisplatten, grüßt die Urlauber und lächelt einem blonden Mädchen zu, das unter dem Geflatsche seiner Flipflops den Weg zum Strand einschlägt. Gesäumt ist der von jungen Buchen – weiß lasiert gegen die Sommerhitze. Damit sie nicht austrocknen. Stattdessen seien sie nun ersoffen, sagt Brosseit. Aber ein Sommer wie dieser schreckt ihn offenbar nicht. „Hey“, grinst er, „sehen Sie sich den Rasen an – sattes Grün statt vertrockneter Halme!“.

Brosseit nimmt die Treppe hinauf in die fünfte Etage, schließt die Tür zu einem weiteren langen Flur auf und legt seine Hand auf eine frei geschlagene Wand. Die fünfte ist die einzige Etage, die noch nicht fertig ist. Die den wahren Kern der KdF-Blöcke offenbart. Statt schweren Betons finden sich blank geklopfte Ziegelsteine. Prora, sagt Brosseit, sei kein Denkmal für die Ewigkeit. Mit der heutigen Technik ließe sich die Anlage in einer Woche platt machen. Der Mythos vom unverwüstlichen Koloss – er schwindet. Was bleibt, sind große Ferien in Block V.

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