Fluch und Segen | Ihlenberg und der Sondermüll

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„Haben Sie ein Problem? Was wollen Sie hier?“ Der Wachmann sieht misstrauisch auf die Kamera. Fotos von der Deponie Ihlenberg in Mecklenburg-Vorpommern sind derzeit unerwünscht. Dass es um die geplanten Asbesttransporte vom niedersächsischen Wunstorf auf das Deponiegelände in Nordwestmecklenburg geht, weiß er. Er mache hier nur seine Arbeit – endlich wieder. Nach Jahren ohne Job. Den Asbest, sagt er, wolle er auch nicht. „Nun verschwinden Sie aber, bitte. Sonst muss ich die Betriebsleitung informieren.“

„Der Krebs kommt später“

Torsten Gehlken nickt, als er davon hört. Gehlken wohnt in der ersten von insgesamt sechs neu erschlossenen Eigenheimsiedlungen in Selmsdorf. Vor seinem Haus parkt ein grüner Toyota. „Stopp Asbest“ steht auf den Aufklebern, die an der Heckscheibe pappen. Die Angst, den Job zu verlieren, sei beim Wachmann im Moment größer als die vorm Asbest, sagt er. „Der Krebs kommt später.“

Selmsdorf. Ein Ort, in dem nach der Wende viele Familien gebaut haben. Von ihren Küchenfenstern sehen sie auf Europas größte Sondermülldeponie. Wer nicht wohnt in Selmsdorf, fährt vorbei. Richtung Lübeck oder Autobahn.

Post von der Staatsanwaltschaft

Von der hören Ulrike und Torsten Gehlken nichts. Aber sie wachen auf. Vom metallischen Poltern der Kipplader. Sie sagen: “ Morgens um sechs geht es los. Nachts um elf kommen die letzten Fuhren Müll auf den Ihlenberg.“ Und bald wohl auch Asbest. Deswegen stehen sie vor der Staatskanzlei in Schwerin – mit Mundschutz und Protestplakaten. Organisieren Infoveranstaltungen in der Schulaula, verteilen Aktionszettel in den Briefkästen der Selmsdorfer. Sie bekamen Post von der Staatsanwaltschaft. Ihre Anzeige gegen den Geschäftsführer der Deponie, Berend Krüger, sei eingegangen.

„Das ändert doch sowieso nichts.“ Die Frau hinterm Tresen in der Dorfkneipe verzieht den Mund. Chef Jörg Steffen geht vor die Tür und drückt seine Zigarette aus. Was da aus DDR-Zeiten schon alles verklappt sei, wisse doch niemand. „Da machen die Transporte den Kohl auch nicht fett.“ Er geht zurück in die Kneipe. Gleich kommen die Gäste. „Bei Detlef“ steht ein Klassentreffen an.

„Wir sind in der Minderheit“

Viel mehr als eine Schulklasse sind Gehlkens auch nicht, wenn sie mit den anderen von der Bürgerinitiative zusammensitzen. Seit zehn Jahren kämpfen sie gegen den Sondermüll auf der Deponie. „Wir sind in der Minderheit“, sagt Torsten Gehlken. Dabei klingt der Vorwurf in der Anzeige gegen Deponiechef Krüger so, als müsste mindestens die Hälfte der 2.700 Einwohner sofort einen Brief an die Staatsanwaltschaft aufsetzen. Wegen versuchter Körperverletzung haben die Gehlkens Krüger angezeigt.

Sie befürchten, dass bei den Transporten Asbestfasern freigesetzt werden, die dann über die Luft in die Atemwege gelangen. Spezielle Transportverfahren sollen das nun verhindern. Drei Lkw-Ladungen aber wurden bereits abgekippt. Zu Testzwecken, wie es vom TÜV heißt.

Steuergelder statt Gesundheit

Im alten Ortskern tobt Jenny Tolkmitt derweil mit ihren beiden Töchtern durchs Laub. Lachend wirbeln die Mädchen auf Schaukeln durch die Luft. „Die Deponie?“, fragt Tolkmitt. Mit der sei sie aufgewachsen. Mit dem Gestank auch. Und ohne sie gäbe es diesen Spielplatz nicht, sagt die 26-Jährige dann. Auch die Arbeitsplätze wären weg. Und die Steuergelder sowieso.

Die Argumente kennen Gehlkens. Das, was sie ihnen entgegensetzen, sind toxikologische Gutachten, Warnungen von Experten, nachweislich erhöhte Krebsraten. Warum sie bleiben? Weil sie ein Haus gebaut haben. Mit eigenen Händen. Den Keller. Das Dach. Den Ofen. Weil die beiden Lübecker glaubten, was sie 1999 hörten. Als die Ämter sagten, die Deponie Ihlenberg würde 2005 geschlossen. Der Hauptanteil des dort gelagerten Mülls sei Hausmüll. Kein Sondermüll. Hätten sie Kinder, sagt Ulrike Gehlken, würde sie heute ans Weggehen denken.

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