Eine Schuld, die nicht die seine ist

Stralsund, Jude, KZ, Nazi, Verfolgung, Flucht
Hans Cohn (rechts) bei seinem Besuch in Stralsund.

Hans Cohn ist damals gegangen. Da waren sie zehn – der Jude Hans und der Hanseat Fred. Es folgen fast 70 Jahre Schweigen. Die ersten Worte – sie fallen nur langsam.

Stralsund. Zurück nach Deutschland? „Nie wieder“, hat Hans Cohn länger als sechzig Jahre gedacht, hat versucht, die deutsche Sprache zu vergessen. In dieser Woche ist er nach mehr als sechzig Jahren bereits zum dritten Mal hier. In Deutschland. Sitzt in seiner Geburtsstadt Stralsund in einem Café auf dem Alten Markt und wartet. Wartet auf einen Schulkameraden, der im April dieses Jahres auf ihn aufmerksam geworden ist, als Hans Cohn und seine Familie einen Gedenkstein auf dem Jüdischen Friedhof setzte.

Aufgeregt ist er nicht. Er könne sich gar nicht mehr an Fred Godglück erinnern, sagt er. „Mit Kriegsende habe ich all meine Kräfte darauf konzentriert, mir in den Vereinigten Staaten ein neues Leben aufzubauen. Ich glaube, dass Kinder noch nicht so viel tragen können, ihre Aufmerksamkeit eher auf den Moment richten.“ Noch vor der Reichskristallnacht hatten seine Eltern ihn und den kleinen Bruder Bert nach Frankreich in ein Kinderheim geschickt. „Juden nicht erwünscht“ musste der damals gerade Zehnjährige jedoch schon vorher lesen – auf einem Transparent über dem Rügendamm, in der Städtischen Badeanstalt etwa.

Dann betritt Fred Godglück das Café. Langsam geht er, auf einen Stock gestützt, auf seinen ehemaligen Spielkameraden zu. „Herzlich Willkommen in Stralsund“, sagt er und drückt ihm die Hand. Sie duzen sich. 68 Jahre sind vergangen, seit sich die beiden zum letzten Mal gesehen haben. Doch Fred Godglück weiß noch genau, wo er und Hans Cohn im Klassenzimmer der Grundschule in der Tribseer Straße gesessen haben. Nennt Namen der Lehrer, Mitschüler. Erinnert sich an einen Nachmittag bei den Cohns, wo beide mit den vielen Autos von Hans gespielt haben. „Ich weiß noch“, sagt er, „ du hattest so viel Spielzeug.“ Doch Hans Cohn schüttelt mit dem Kopf. „Naja, man vergräbt ja so Verschiedenes“, meint Fred Godglück verlegen.

Von der vierten Klasse an verlor er Hans Cohn aus den Augen. Zehn waren sie damals. Hat er sich denn nicht gewundert, warum plötzlich alle Juden verschwunden waren? „Gewundert? Sie müssen
sich mal die unwahrscheinliche Propaganda-Maschinerie vorstellen. „Wir siegen, siegen, siegen“ – hieß es da. Und so war es ja auch. Es fiel ein Staat nach dem anderen.“ Damit ist das Thema zunächst einmal beendet. Und das Gespräch verlagert sich in die Zeit nach dem Krieg. „Da wurden wir dann verhaftet“, sagt Fred Godglück lakonisch. Im Bielkenhagen habe er über ein Jahr bei den Russen in Haft gesessen. Hans Cohn nickt verständnisvoll, hört ihm zu, seinem ehemaligen Schulfreund, der nach einer Lehre in der Verwaltung schließlich Lehrer und dann Schulleiter wurde.

Also beginnt auch Hans Cohn mit seinen Erzählungen nach dem Krieg. Von seiner Zeit als amerikanischer Soldat in Japan, als Dozent an der Uni, ein wenig erzählt er auch von seinen Kindern. Erzählt, dass sie der Grund waren, warum er überhaupt noch einmal nach Deutschland gekommen ist nach all den Jahren. „Ich wollte, dass sie es sehen, dass sie es verstehen.“ Verstehen, wehrt Fred Godglück ab, könne man das nicht. „Nein – wir hatten alle keine Vorstellung von dem, was da passiert ist.“ Die Reichskristallnacht habe er bewusst miterlebt. „Wie sie die Juden zusammengetrieben haben und wir an der Straße stehen mussten, um Beifall zu klatschen – es war fürchterlich“, bricht es aus ihm hervor. Seine Eltern hätten ihm nur gesagt, dass nicht alle Menschen, die dort in den Gefängnissen sitzen, schlecht seien. Den Rest würde er früh genug erfahren. „Sie hatten Angst, verhaftet zu werden und haben deshalb geschwiegen.“

Früh genug war 1944, als Fred Godglück sechzehnjährig zur Wehrmacht eingezogen wurde und ihm sein Kompaniechef von den Konzentrationslagern und der Vernichtung der Juden erzählte. „Da
haben wir die Ohren aufgesperrt, und langsam, ganz allmählich ist uns ein Licht aufgegangen.“ Fred Godglück schluckt. Berichtet, dass er nach Kriegsende am Bahnhof einem zwölfjährigen Jungen begegnet sei, der im Konzentrationslager überlebt habe. „Eine elende Figur – grauenvoll.“ Aber er fragt nicht, wie es Hans und Bert Cohn auf der Flucht vor den Nazis ergangen ist. Fragt nicht nach den Eltern, die 1943 in Frankfurt am Main verhaftet und deportiert wurden. Aber Hans Cohn erzählt.

Behutsam wählt er die Worte. Zeigt aus dem Fenster auf das kleine Haus links neben dem Rathaus, wo er 1938 mit seiner Mutter und seinem Bruder von der Gestapo festgehalten wurde. Und Fred Godglück? Es scheint, als sei seine Angst übermächtig. Die Angst, dass sich das, was er nach dem Krieg über die Verfolgung und Ermordung der Juden erfahren hat, mit Leben füllt. Warum das geschehen konnte? „Ich weiß es nicht“, sagt er. „Wir wissen es nicht“, sagt Hans Cohn.

Nach 68 Jahren sind vierzig Minuten dieser Begegnung scheinbar nicht viel. Doch zwischen heute und damals liegt ein ganzes Menschenleben, liegen zwei Wege, die unterschiedlicher nicht sein können. Zum Abschied wünscht Fred Hans Glück und Gesundheit. Der drückt ihm die Hand und lächelt. „Ich glaube ihm“, sagt Hans Cohn nach einem Moment der Stille. „Wir Kinder waren alle Opfer. Ich denke, es war sehr schwer für ihn, mit mir zu reden, und ich danke ihm dafür. Er ist ein guter Mann, der die Wahrheit gesagt hat, so wie er sie gesehen hat.“ Die Deutschen allein seien nicht die Übeltäter gewesen. „Die anderen haben es mit angesehen und nichts getan. Sie sagen, sie hätten es nicht geglaubt – niemand könne so etwas tun.“

Auch deshalb wird Hans Cohn in seiner Heimat Californien von dieser Begegnung berichten – in einer Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust. Als die Cohns am Mittwoch einen weiteren Gedenkstein für die ermordeten Angehörigen auf dem Jüdischen Friedhof an der Greifswalder Chaussee setzen, kann Fred Godglück nicht dabei sein. Aber Hans Cohn weiß, dass sein ehemaliger Schulkamerad zu tragen hat an einer Schuld, die kaum die seine ist.

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