Eine Malerin, die keinen Pinsel braucht

Stralsund; JVA; KünstlerinEin Mal in der Woche lässt Wienke Jentzsch den Alltag hinter sich. Und schafft ihn für andere – ehrenamtlich in einer Justizvollzugsanstalt.

Stralsund. Holger Lüth lässt den Schlüssel ins Schloss fahren, öffnet eine Gittertür nach der anderen. Eine Frau mit kurzen weißen Haaren folgt ihm auf den hallenden Fluren. Wenige Meter später das gleiche Prozedere. Für die rechte Hand des Anstaltsleiters eine alltägliche Bewegung. Auf jemanden von draußen wirkt das beängstigend. Als ob einem die Luft fehlt zum Atmen.

Auch Wienke Jentzsch empfindet den Weg noch immer als gruselig. Seit fast drei Jahren kommt sie jeden Donnerstag in die Justizvollzugsanstalt Franzenshöhe. Künstlerin ist sie. Aber irgendwie auch Besucherin. Vertraute. Freudig Erwartete. Zwischen Station B2M und Station C2M endet der Marsch, der einem Zentimeter für Zentimeter die Unfreiheit vor Augen führt. Dort, im Besprechungszimmer der Vollzugsbeamten, warten Sven und Thomas. „Wienke, schön, dass Du da bist“, sagt Thomas. Irgendwie erleichtert. Lächelnd.

Zum Malkurs haben sich die beiden Strafgefangenen schon vor längerer Zeit angemeldet. Per Antrag. Diese Möglichkeit hat jeder, der in Franzenshöhe seine Strafe verbüßt oder in Untersuchungshaft sitzt. Sven holt die Farben aus dem Schrank – blau, grün, rot, gelb. Pinsel und einen Unterteller, der als Mischpalette dient. Breitet eine Folie als Unterlage auf dem ovalen Beratungstisch aus. Dann nimmt er eine Skizze vom Schrank – Gitter, Sonne, Wege – flächig ist die Zeichnung, vorgemalt mit schwarzen Pinselstrichen. Thomas geht zurück in seine Zelle. Er hat das Skizzenbuch vergessen, dass ihm Wienke Jentzsch geschenkt hat. Er zeigt auf den schwarzen Buchdeckel. „Michaela“, sagt er leise. Thomas’ Frau. Auf einem Ausflugsdampfer auf dem Rhein. Das war, bevor das Paar ins Gefängnis kam.

Michaela sitzt in Bützow. Ein Mal in der Woche darf Thomas seine Frau besuchen. An diesem Donnerstag ist er gerade von dort zurückgekehrt. Immer wieder tippt er auf das Foto, während die Worte nur so aus ihm heraussprudeln. Wienke Jentzsch hört zu, nickt zustimmend mit dem Kopf. „Ich will mein Leben wieder in den Griff bekommen, noch mal ganz von vorn anfangen“, sagt Thomas bestimmt. Zu zwei Jahren wurde der 45-Jährige verurteilt. Seine Frau hat ein Jahr und drei Monate mehr bekommen. Für gemeinschaftlichen Betrug.

Für den gelernten Zerspanungsfacharbeiter steht demnächst die Anhörung an, in der über den Erlass der Strafe nach zwei Dritteln entschieden wird. Wienke Jentzsch hat sich schon mal nach einer Wohnung für ihn umgesehen. Doch daraus wird nichts. „Ich habe doch noch die Ersatzfreiheitsstrafe“, erinnert er sie unmissverständlich. Die will er in Bützow absitzen – bei Michaela. Sie unterhalten sich über Paragraphen der Justizvollzugsordnung, die eine solche Umsetzung ermöglichen, diskutieren Alternativen. Und kommen an den Punkt, wo sie den Unterschied suchen zwischen „Verbrechern“ und denen draußen.

Thomas ist der derjenige, der darauf besteht, ein Verbrecher zu sein. Man glaubt es ihm kaum, sitzt man ihm gegenüber. Verbrecher sehen doch irgendwie anders aus? „Ich habe gelernt, meine Einschätzung moralischer Art mit größter Vorsicht zu treffen“, sagt Wienke Jentzsch. In ihr sei immer die Hoffnung, dass der Mensch sich ändern will. Thomas arbeitet daran. Zermartert sich das Hirn über sein Leben außerhalb der Mauern. „Gedanken machen sich hier alle“, sagt er. Doch die wenigsten würden das auch zeigen. Gespräche derart gebe es unter den Mithäftlingen nur selten. Ab und an geht der gebürtige Hallenser zum Gefängnispfarrer. Oder zum Blauen Kreuz. Um einfach mal zu reden. Darüber, was ihm Tag für Tag durch den Kopf geht. Andere lockt nur der Duft nach Kaffee und Kuchen dorthin. Es sind in jedem Fall immer mehr als im Kurs bei Wienke Jentzsch.

Malen – welcher Knastbruder macht das schon. Sven beispielsweise. Spricht die ganzen 60 Minuten kein Wort. Füllt mit dem Pinsel konzentriert die noch weißen Flächen seines Bildes. Schaut nur auf, wenn er neue Farbe benötigt. Thomas hingegen hat an diesem Tag nicht einen Strich gezeichnet. In seinem Skizzenbuch hat er seine Zelle, die Küche, den Gefängnishof gemalt. „Die Bilder bekommt meine Frau.“ Damit sie weiß, wie sein derzeitiges Leben aussieht. Zweimal in der Woche verlässt ein Brief Franzenshöhe in Richtung Bützow. Telefonieren von Anstalt zu Anstalt ist nicht drin. Das nagt an ihm. Dabei gebe es so viel zu besprechen für die gemeinsame Zukunft. Wienke Jentzsch findet Worte, macht Mut.

An diesem Donnerstag war ihr künstlerischer Rat nicht gefragt. „Wienke braucht keine Lockmittel für ihren Kurs – da reicht der Mensch“, sagt Thomas dankbar. Und die Malerin lächelt. Für eine Stunde in der Woche ist für Sven und Thomas das Leben greifbar. Das von draußen. Und das, weil Wienke Jentzsch keinen Unterschied machen will – zwischen Menschen von drinnen und denen von draußen.

2 thoughts on “Eine Malerin, die keinen Pinsel braucht

  1. Guten Tag,
    bitte von wann ist der Artikel über Frau Jentzsch?
    Ich habe mal vor über zwanzig Jahren Bilder von ihr gekauft und habe mich immer gefragt, was aus ihr geworden ist.
    Danke für ihre Antwort
    mit freundlichen Grüßen
    Rainer Katlewski

    1. Sehr geehrter Herr Katlewski,

      es muss 2006 oder 2007 gewesen sein, als ich Frau Jentzsch begegnete.

      Beste Grüße

      Nicole Buchmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.