Zu langsam selbst zum Angeln

5 Uhr. Noch dämmert es nicht einmal über Tobago. Micha und ich sind seit vier auf. Die neue Wechselbatterie will noch eingebaut werden. Micha bastelt Überbrückungskabel. Dann rattert klackernd die Ankerkette hinauf. „Anker frei!“ Micha steuert Sandine aus der Pirates-Bay. Kurs Grenada. 
Bis zum Mittag läuft fast alles nach Plan. Wache schieben. Assistent spielen und Getränke anreichen, Banane, Orange und Melone. Der Obsthändler in Charlotteville hat uns das Obst nach Haltbarkeitsdatum verkauft: „TomorrowTomorrowTomorrow“. Drei Tage also mindestens. Allein die versprochenen 15 Knoten Wind von achtern lassen auf sich warten. Sandine motort, damit die Genua nicht allzu lustlos im Wind schlägt. 
DidderrittDidderrittTockDirrittTockTockUooop. Motor neu starten. TockDirrittTockTockUooop. Motor neu starten. So geht das etliche Male. Micha reinigt Filter unten im Motorraum, pumpt Dreck aus den Leitungen, saugt den restlichen Treibstoff aus dem Tank und geht in der dieselgeschwängerten, heißen Luft dort fast vor die Hunde. 
Oben hat sich der Wind komplett verabschiedet. Mit 1,6 Knoten geht es voran. Dank der Wellen, die von hinten schieben. Zu langsam selbst zum Angeln. Glaubt man den einheimischen Fischer, die ihre Beute bei rund vier Knoten aus dem Atlantik ziehen. Micha liegt flach. Wir halten Sandine leidlich auf Kurs. Noch mehr als 40 Meilen bis Grenada. Die Silhouette schimmert bereits am Horizont. 
Der Tank also ist leer. Die Reservekanister auch. Bis wir nachsehen und noch mehr als 50 Liter finden in den Backskisten. ZackZack. Aufgeschraubt und eingefüllt. Mit Michas PhysikKnowHow geht das ganz ohne am Diesel zu nippen. Schlauch in Tank und Kanister. Kanisteröffnung so weit wie möglich mit der Hand verschließen. Reinblasen. Und das von unserem Skipper verhasste E-10-Zeug läuft. 
DidderrittDidderrittTockDirrittTockTockUooop. TockDirrittTockTockUooop. Motor neu starten. TockDirrittTockTockUooop. UooopUoop. Wieder vergeht gut eine halbe Stunde. Der Motor bleibt aus. Und wir dümpeln der karibischen Dämmerung entgegen. Ankunft Grenada laut Navigation: 16:44 Uhr. Am nächsten Tag. Ungläubiges Kichern im Cockpit. 
Den Abend versüßen uns Melone und Jessis selbstgebackener Hefezopf. Hinter Wolken liegt der Mond wie in Watte. In Rückenlage auf der Cockpitbank. Das Mondlicht auffangen. Mit beiden Händen. Und es mir auf die Wangen legen. Dann frischt der Wind auf. Die Genua füllt sich. 2 Knoten. 4,6. Mitunter zeigen die Instrumente sogar 5 an. Grenada: nur noch 8 Stunden voraus. Ankunft: 2:34 Uhr in der Nacht. 
Die PricklyBay soll unser Ziel sein. Ich steuere Sandine die Küste Grenadas hinauf. Ankern unter Segeln in finsterer Nacht. Micha geht wieder und wieder das Manöver durch. Steuerbord und backbord fendern. Genua oder Groß zum Manövrieren. Die Entscheidung braucht noch. Der Wind inzwischen bei zwölf Knoten von quer ab in die Bucht hinein. Wir müssen das Schiff also irgendwie abbremsen. 
Ein Leuchtturm weist uns den Weg. Doch mehr ist nicht zu sehen. Die Bucht – ein schwarzes Loch. Eingepackt sitze ich vorn am Ankerkasten. Warte auf das Kommando. Langsam steuert Micha dem dunklen Loch entgegen. Planänderung. Noch draußen auf dem Atlantik soll uns vor der Bucht eine Untiefe retten. Zu flach für Containerfrachter oder Kreuzfahrtschiffe, unter deren Rumpf wir passen würden. Über diesen sechs Metern ruft Micha: „Lass‘ fallen, Anker!“ Rattattattattattattatt. So geht es 50 Meter Kette lang. Hand drauf. Vibriert nicht. Anker hält. Es ist kurz nach halb drei in der Nacht. 
Die Männer übernehmen die Ankerwache. Mich übernimmt der Schlaf. Drei Stunden später zurück an Deck traue ich meinen Augen kaum. Micha zeigt auf die PrickleBay. Mast an Mast liegen dort die Schiffe. Unsere Fender hätten den Schaden wohl nur minimal abgemindert, wären wir mit Sandine dort im Dustern unter Segeln vor Anker gegangen. 
Micha wagt sich erneut in den Motorraum und kehrt zurück mit einem weiteren Filter. Schwarz wie Kohle. Dann verschwindet er in der Nasszelle und zückt die elektrische Zahnbürste. SirrSirrSirr reiben die Borsten den vermanschten Diesel aus den feinen Poren. Partikelchen für Partikelchen.

Jessi und ich springen ins Wasser. Ankerkette und Anker begutachten im azurblauen Wasser. Als ich wieder auftauche, tuckert Sandine im Leerlauf. Micha hebt die Fäuste. Wir sind wieder unter Motor und machen an einer Mooring in der PricklyBay fest. 

Looft

Rassismus? Gibt es. Sagt Allister. Der Jungmechaniker aus der Marina nickt. Syrische Freunde habe er, indische und schwarze. Er, der weiße. Der Nachfahre eines Engländers. Allisters Familie lebt auf den Inseln seit drei Generationen. Er spricht den local dialect. Spätestens dann lassen sie ihn meist in Ruhe. Die Gangs von Port of Spain.

Dass drei Busse am Haltepunkt an Micha vorbeifahren statt anzuhalten – Allister grient. „We call it reverse rassism.“ Dass der Officer unmittelbar vor mir die Schranke runterlässt und mich danach ignoriert, geschenkt. Dass ein weiterer Officer bei den Ausreiseformalitäten Micha anblafft: „Stop coughing!“, nötigt selbst dessen Kollegen ein verschämtes Grinsen ab. Micha geht fortan draußen husten.

Sandine im Trockendock ist unterdessen wasserfein. Ein Ungetüm rollt heran. Auf Rädern, die sich in alle Richtungen drehen können. Vorangebracht von einem dröhnenden Motor, dessen Auspuff in den Himmel ragt und aussieht wie ein Ofenrohr. Über den Rädern auf jeder Seite ein Stahlträger, der sich dank rasselnder Ketten heben und senken lässt. Dazwischen ellenbreite Gurte – vier an der Zahl.

Das Ungetüm rollt die Stahlträger beidseits neben Sandine. Die Gurte schmiegen sich an ihren Rumpf. Die Stahlträger gehen nach oben. Sandine schwebt. Dann fährt das Ungetüm zurück – wie ein Wagen, der rückwärts ausparkt. Noch 80 Meter bis ins Wasser. Schwups, da schwimmt sie. Nach mehr als acht Monaten auf Stützen.

Los soll es gehen in die Scotlandbay. Kleine Testfahrt. Ankern. Nächsten Morgen früh weiter. Alles funktioniert. Die schwere Passage mit kabbeliger Kreuzsee sieht freundlich aus an diesem Nachmittag. Ein Fischerboot hat sich hinausgetraut. Wir wagen es. Segeln. Endlich wieder segeln! Sandine juchzt.

Doch kaum raus aus der Passage bleibt der Motor an. Gegen den Wind. Gegen die Welle führt unser Weg nach Tobago. 85 Meilen liegen vor uns. 19 Stunden werden wir dafür brauchen. Die erste Euphorie ist verflogen nach etwa vier Stunden. Jessi und Urs haben sich langgestreckt auf den Cockpitbänken und kämpfen gegen die Übelkeit. Micha steuert. Der Autopilot macht noch Ferien. Krawumm. Sandine landet in einem Wellental. Wasser kommt über. Bis ins Cockpit. Es ist warm wie der Wind. Vorhersagen – offenbar nur etwas, um Erstsegler zu beruhigen.

Der Abend dämmert. Das Kompasslicht bleibt dunkel. Wachwechsel. Bis Mitternacht hat dann die komplette Crew über die Reling gespuckt. Bis auf eine: Jessi. Noch nie auf einem Segelschiff, steuert sie Sandine durch die Nacht. Kaum ein Auge haben wir für das Licht am Firmament. Mühsam kontrollieren wir die Nacht auf Schiffe auf unserem Weg. Schlafen. Wachen. Die Pirates-Bay in Sicht. Anker runter auf 20 Meter. Raus aus den Klamotten. Rein in den Atlantik.

Ein verdöster Tag beginnt. Baden. Wasser die Kehlen hinunterschütten. Essen – schnell ein paar Nudeln in den Topf und Schweinefilets in die Pfanne. Baden. Wasser. Dösen. Das Dinghi bringt uns am Nachmittag an den Strand. Stille wie an einem Sonntag liegt über Charlotteville. Pittoreske Häuschen wachsen aus dem tiefgrünen Hang. Manche stehen auf Stelzen stolz oben auf den Hügeln Tobagos.

Wir stapfen hinauf zum ImmigrationOffice. Vorbei an hellblau, pastellfarben oder pink getünchten Häusern. Meist aus Holz. Mit Veranda, Hühnern im Garten und blank polierten Wagen in der Einfahrt. Über der Krankenstation direkt neben dem Friedhof sind Zoll- und Einreisebüro verwaist. Ein Anruf bringt Klarheit. Wir sollen morgen wiederkommen. 10 Uhr.

Wir folgen Micha zu einem Lokal, von dem nicht nur die Seglergemeinde schwärmt. „Suckhole“ unmittelbar am Strand. „Chef Stevie“ vertröstet uns – auch auf morgen. Bei ihm gebe es nur mittags etwas zu essen. In zwei Stunden geht die Sonne unter.

Wir sitzen auf einer Bank am Strand. Seltsame Stille auch hier. Menschenleer. Krebse im Sand. Ein einheimischer Künstler, der uns Postkarten schenkt. Und dann „Chef Stevie“. Er will uns Fries machen. Mit Gemüse. Avocado, Zucchini, Tomaten, Salat. Und ganz viel Knoblauchsauce. Dazu eisgekühlte Cola. Wir versuchen, ihm die Mühe zu ersparen. Doch er besteht darauf. Und will nicht TitiDollar dafür.  Ich denke an Allister. Und daran, dass es die anderen viel mehr sind. Die offenen, freundlichen Menschen.

Mittag am Tag darauf im „Suckhole“. Stevie kocht. Fabien bittet mich an seinen Tisch. Fragt mich aus nach children und husband. Sagt, dass ich meinem husband sagen soll, dass ich hier bleibe.

Wir trinken Cola. Erzählen vom Paradies Tobago. Vier Monate Urlaub mache er im Jahr. „Four weeks?! That’s nothing!“ Werde ich mal in der Redaktion vortragen. Fabiens Telefonakku ist fast leer. „Oh. Is there a possibility to charge? – In my car.“ Ich reiche ihm Kabel und Handy.

Constructor sei er. Für TrinidadTobagos Straßen. Seine Augen sagen etwas anderes. Und lassen seinen Wagen kaum einen Moment unbeobachtet. „I’ve got something in my car I don’t want anyone get too close to.“

Wenn einer in die Ferne will

Wer los will in die Ferne aus meinem kleinen Heimatstädtchen, der kann auf direktem Wege nur zu Fuß oder mit dem Wagen reisen. Den Zug zum Flieger gibt es deshalb nur mit Umsteigen. Manchmal entfällt er ganz, und der Reisende teilt sich dann ein Taxi mit gleichermaßen Stehengelassenen.

Dann trifft er möglicherweise auf Menschen, die ihm über drei Ecken bekannt sind. So wie Douaa von der Insel Poel auf dem Weg zu ihrer Freundin in Niedersachsen. In jedem Fall erreicht der Reisende den Anschlusszug so pünktlich, und der trifft ebenso unspektakulär pünktlich am Abflugort ein.
Hüpfen wir auf die Insel, auf der einen ein freundlicher Robbie mit Namensschild wie im Film in Empfang nimmt und durch die karibische Nacht bringt. Sandine steht auf ihrem Kiel. Gehalten von Stützen. Eine Leiter führt die gut dreieinhalb Meter hinauf zum Schiff.

Das erste karibische Frühstück wird eine Überraschung. Das Englisch der Insulaner – nach drei Stunden Schlaf für mich nicht zu verstehen. Dann liegen gesalzene und gebratene Heringstückchen an Gemüse (?) und Salat und Weizenfladen vor mir auf dem Teller. „Delicious!“ Die Kellnerin lacht.

Auf Sandine ist noch viel zu tun. Zwei Seiten lang ist die Liste. Es helfen das Team von Allan, dem Maler, Allister, der Mechaniker und Ricky, der „Yo, man!“. Ricky demontiert die Winschen, reinigt, fettet sie und setzt sie wieder zusammen. Fünf Winschen – drei Tage. Am zweiten klettert Ricky, „Yo, man!“ die Leiter hinauf. Vor ihm eine Schnapsfahne. „Who was the last who worked on your winshes?!“ Micha und ich sehen uns an. „Ricky, yo, man!“, denken wir. Eine Unterlegscheibe fehlt plötzlich. Aber er könne sie besorgen. „Yo, man!“

Wir hingegen müssen Essen besorgen. Micha warnt mich vor. Gemüse, Obst – Frisches im Allgemeinen eine Autostunde entfernt in Port of Spain. Nicht aber Mango, Papaya oder Kokosnüsse aus insulanischem Anbau – Obst und Gemüse werden importiert. Bevorzugt aus den USA.

Klar. Der kleine Inselstaat ist reich. Reich an Drogenumschlag auch. Und reich an Selbstbewusstsein. Fast wäre ich schon bei der Einreise gescheitert. Ganja steht hier hoch im Kurs. Der „Yo, man“ ist ein wenig enttäuscht, als ich seiner Bitte nachkomme und ihm eine Zigarette drehe. „Just tobacco?! You don’t like Ganja?! Me a lot!“ Willkommen in der Karibik.

Europa 2017

Paris. So schnell komme ich also zu einem Tag in jener Stadt, die nur schlechte Erinnerungen hat.
Die Täuschung ist. In jenem Februar 2017. Warum? Weil Eiffelturm und Louvre so viel kleiner sind als sie vorgeben auf Postkarten, im Fernsehen und im Internet. 

Weil die Stadt Anmaßung ist. In all‘ ihrem Misstrauen. Scanner und Taschenkontrolle vor jedem größeren Geschäft. Von Museen ganz abgesehen. In die Uni gehen und einfach gucken? Fehlanzeige. Auch dort Sicherheitskontrollen samt Scanner und Gepäckkontrolle. Wer nicht als Student registriert ist und die entsprechende Karte mit sich führt, hat keinen Zutritt. „This is not a museum. – I know. Is it possible to go in and have a look? – No.“ Vielleicht hätte ich den Presseausweis ziehen sollen. Reisen im Europa 2017 heißt, unter Generalverdacht zu stehen. 

Werten die weitläufigen Boulevardes das auf? Der Blick auf die Seine. Die zahllosen Cafés, Patisserien und Galerien. In dem Moment, in dem ich das schreibe, führen mir zwei halbe Liter Heineken à 8.50 Euro die Feder. Und die Wut mag sich verstärken. Die Wut auf diese hysterische Stimmung. Auf die Soldaten, die milchgesichtig mit Maschinengewehren irgendwo im 8. Arrondissement an mir vorbeistapfen. Pfffff, denke ich. Die sollen mich beschützen?! Die sollen im E-Fall einen kühlen Kopf bewahren?! Und was ist das. E-Fall. Der E-Fall passiert, und darauf folgen Reaktionen. Das war’s. Dann hat sich der Selbstmordattentäter längst in die Luft gesprengt. Oder ist mit seinem Wagen in die Massen gerast. Kaum mehr möglich in Paris. Die Blockaden sind überall. 

Ehrlich. Leute. DAS ist mir zu viel. Die Tampons auszupacken vor der Galerie La Fayette. Auch, wenn der Polizist sehr freundlich ist. Inmitten von Cafés und Geschäften an Maschinenpistolen vorbeizuschrappen. Ein Gefühl von Sicherheit? Nee. Genau das Gegenteil. Verhindert das irgendetwas. ?

Die Statistik über die Piraten in der Karibik – die haut hier nicht ganz hin. Wer sich wehrt, wird weniger ausgeraubt. Maschinenpistolen und Sprengstoffproben – ist das Gegenwehr. Oder nur Reaktion. ?

Und jetzt stellt sie Euch vor – Eure Heimat. Vor dem Supermarkt Arme in die Waagerechte, damit ein freundlicher Beamter den Scanner hinauf- und hinunterführen kann. Danach geht ihr in die Drogerie. Dort packt ihr alles aus aus dem Supermarkt. Zur Sicherheit. Und wenn ihr vollbepackt den Heimweg antretet, grimmen Euch zwei 17-Jährige entgegen. Vor der Brust’ne Kalaschnikov. 

Antworten suchen im wilden Westen

Eine Woche St. Laurent du Maroni. Eine Woche lang darüber nachdenken, wie es möglich ist, dass zehn Jahre alte Mädchen Kinder entbinden im Central Hospitale. Mitten in europäischem Recht, das Frankreich über diesen Flecken Erde ausgebreitet hat. Mitten in europäischem Recht, das Sex mit Minderjährigen unter Strafe stellt. Micha und ich haben die 450-Euro-Bäuche nicht gezählt, denen wir in diesen sieben Tagen in den Straßen von St. Laurent begegnet sind. Die in ein paar Wochen oder wenigen Monaten auf der Entbindungsstation von Ärzten fachmännisch geleert werden. Warum meldet das niemand?

David hat sich zu uns gesetzt an meinem letzten Abend in der kleinen Marina am Maroni. Die Yachten dümpeln im Fluss an den Bojen. Die Segler sind versorgt mit Bier, Panini, Gas und Wifi. David hat das Personal aufgestockt. Das EinzimmerAppartement in St. Laurent kostet 600 Euro mindestens – und will bezahlt sein. Also brauchen die jungen Menschen hier einen Job. Oder ein Kind. Dann zahlt die junge Familie 20 Euro im Monat. Die französische Regierung den Rest.

Frankreichs Rechtsaußen, Marine Le Pen, hat St. Laurent besucht. Gerade einen Monat ist das her. Dass sie auf die Stimmen der überwiegend schwarzen Bevölkerung setzt, ist nicht zu vermuten. Die Weißen in FrenchGuyana aber loben bereits jetzt allein Le Pens Anwesenheit. Dass sie kommt und zuhört, dass sie Lösungen anbietet für den Wilden Westen unter französischer Flagge. 

Dennoch blicken Micha und ich ungläubig zu David, als der unumwunden sagt, die Ärzte hätten Angst. Sie hätten Angst, Geburten bei Minderjährigen zu melden – weil die locals ihnen sonst das Auto zerkratzen, weil sie ihnen die Knochen brechen oder sie ausrauben. „They were sent here. They do their job for a period of time, take the money and leave again.“ Paris ist weit weg. 

Und doch so nah. 12 Stunden mit dem Flugzeug von Cayenne. Dorthin geht eine zweimotorige Propellermaschine. Die Klappsitze sind mit blauem Kunstleder überzogen. Der Pilot eine Armlänge entfernt. Zwei Mal landen wir zwischen auf dem Weg in die Hauptstadt. Züge gibt es nicht, ein Busnetz durch den dichten Dschungel auch nicht. FrenchGuyana sieht aus von oben wie ein riesiger Brokkoli.

In der Marina machen Micha und die beiden Franzosen sich bereit für den Törn nach Trinidad. Auf der Einkaufsliste stehen ausreichend Liter Wasser. David, der weit Gesegelte, empfiehlt die Sandine in einer befreundeten Marina. Die letzte CrewWäsche rumpelt in der Trommel des Büros. „There is no perfect place in the world“, sagt David. Er wird die Marina ausbauen. Stege verlegen, das Café erweitern. „It’s development – that’s the good thing about the Wild West in FrenchGuyana.“