Ausgemustert. Vom Niedergang eines Dorfes.

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Ein Herbstnachmittag in Mestlin. Auf dem zentralen Dorfplatz wehen Spinnweben durch die Sonnenstrahlen. Ein architektonisches Ensemble von nationaler Bedeutung ist dieser Platz – so steht es in einem Brief vom Beauftragten der Bundesrepublik für Kultur und Medien, der Mestlin in diesem Jahr erreichte. Unter Denkmalschutz steht er bereits – der Marx-Engels-Platz.

Ein Musterdorf zum Wohlfühlen

Ein roter Kipplaster und ein Bagger parken dort. Brauner Sand ist zu Haufen aufgeschüttet. Alex ist da. Ein Junge von etwa zwölf Jahren. Er wohnt am Marx-Engels-Platz. Dort, wo bis zur Wende das Herz Mestlins schlug. Wo es Waschmaschinen gab im Laden für Haushaltsbedarf. Anoraks im Textilwarengeschäft. Und Bananen im Konsum nebenan.

Claudia Stauss ist eines von 17 Mitgliedern des Vereins Denkmal Kultur Mestlin, der das Ensemble "Marx-Engels-Platz" erhalten will.

Wohlfühlen sollten sich die Mestliner. Wohlfühlen und von der Idee des Sozialismus überzeugt werden. Alles am Ort: die Arbeit, der Alltag, das Lebensnotwendige. Sogar ein Landambulatorium gehörte dazu – mit eigener Geburtsstation. Im Frühling 1959 leben 1.505 Menschen in Mestlin. Nur drei Jahre, nachdem das Marx-Engels-Ensemble fertiggestellt ist. Nachdem Kindergarten, Gaststätte und die zehnklassige, polytechnische Oberschule (POS) das sozialistische Musterdorf der Ulbricht-Regierung perfekt gemacht haben. Es wird das einzige Musterdorf bleiben.

Ein Haus sucht nach Leben

Alex begrüßt eine Frau, die aus ihrem blaugrauen Wagen steigt. Claudia Stauss ist Mitglied im Verein Denkmal Kultur Mestlin e.V. Sie geht die Stufen zum Kulturhaus am Platze hinauf. Das treibt sie um in diesem Ort. Das Kulturhaus. Mächtigstes Glied im Ensemble. Stahlbeton durch und durch. Selbst das Fachwerk ist aus Stahl. Die Bühnentechnikerin verschwindet im Dunkel des Foyers. Norbert Kelling hat dort gerade seine Schicht begonnen. Er führt Besucher durch die wechselnden Ausstellungen.

Früher, sagt er nicht ohne Stolz, früher hätte Smokie hier gespielt. Karat und die Puhdys. Immer sei etwas los gewesen in einem der beiden Säle. Erntefeste. Jugendweihen. Theatergastspiele. Nun kommen an manchen Tagen mal 25 Leute, um sich die Ausstellungen anzusehen. Und manchmal kommen drei.

Wo die DDR noch riecht

Der Verein Denkmal Kultur Mestlin organisiert die Ausstellungen. Und wagt damit einen weiteren Versuch, das Kulturhaus und den Rest des Musterdorfes zu erhalten. Schwierig sei es, sagt Claudia Stauss, die Einwohner dafür zu gewinnen. Resigniert seien viele. Aber als der Verein aufrief, das Foyer von der schwarzen Ölfarbe zu befreien, die der Vormieter – ein Diskothekenbetreiber – hinterlassen hatte, seien vierzig Mestliner gekommen. Mindestens, sagt Claudia Stauss.

Sie lehnt am dunkelbraunen Tresen im kleinen Saal. Gummisaal nennen ihn die Mestliner. Weil sich unter dem Linoleum noch die Kanten von Gummifliesen abzeichnen. Die DDR ist dort noch zu riechen. Sie steigt dem Besucher in die Nase wie frisches Bohnerwachs – so intensiv, als gäbe es sie noch. Ein Blick aus dem Fenster aber zeigt: Es gibt keinen Konsum mehr. Keine Gaststätte. Den Lebensmittelladen nicht mehr und auch nicht das Textilgeschäft oder den Haushaltsbedarf.

Vom Gehen und Bleiben

Stattdessen rollt mittwochs ein Broilerwagen über das denkmalgeschützte Kopfsteinpflaster. Und wenn der ortsansässige Fischer einen ordentlichen Fang hatte, dann kommt auch er. Norbert Kelling ist mit dem Fischer verwandt. Das seien hier aber fast alle – miteinander verwandt, sagt er. Und es ist schwer zu entscheiden, ob er die Augen deswegen oder wegen der Sonne zusammenkneift.

Kelling ist 55 und seit gut zehn Jahren arbeitslos. Auf dem Bau hat er geschuftet, einen Betonmischer gefahren, auf Montage ist er gewesen. Bis seine Lebensgefährtin davon genug hatte. Kelling blieb in Mestlin. Nun bestellt seine Schwiegertochter in spe für ihn Lakritz im Internet. Weil die wie früher schmeckt.

Wo die Menschen „früher“ sagen

Früher bedeutet in Mestlin vor der Wende. Als die meisten Einwohner in der LPG arbeiteten. Als man im Ort noch miteinander lebte. Als es noch eine Gemeinschaft gab, wie Kelling sagt. Heute sind von gut 800 Mestlinern 128 auf Hartz IV angewiesen. Jugendclub und Begegnungsstätte sind dicht. Die Arge hat Anfang Sommer die Ein-Euro-Jobs in der Gemeinde so gut wie abgeschafft.

Bürgermeister Uwe Schultze will bis zum Jahresende wenigstens die Begegnungsstätte halten. Die Gemeinde zahlt Miete und Betriebskosten für die Räume in der ehemaligen Gaststätte. Schultze erhebt nun Stuhlgeld – 50 Cent pro Person und Veranstaltung – um die Ausgaben teilweise zu decken.

Versuche: gescheitert

Im kleinen Saal schreckt Claudia Stauss vom Tresen hoch. Ein Jaulen geht durchs Foyer. Dann verschwindet eine schwarze Schwanzspitze zwischen zwei Türflügeln. Dahinter ist der große Saal. Ein Schäferhund-Husky-Mix springt auf die Bühne. Die Wände des turnhallengroßen Raumes sind von schwarzer Ölfarbe überzogen.

Mitte der 90er, da schien es, als ginge es aufwärts mit dem Kulturhaus. Die Diskothek zog jedes Wochenende Tausende junger Menschen in den Ort. Bis der Betreiber von einem Tag auf den anderen verschwand. Mit ihm die Kronleuchter, die Bühnentechnik, Filmvorführapparate. Das Kulturhaus – leer. An die Heizung hat niemand gedacht in diesem bitterkalten Winter 1996. Die Rohre barsten. Das Wasser zerstörte das Eichenparkett und das restliche Mobiliar. Und in Mestlin kehrte auch an den Wochenenden wieder Ruhe ein.

„Kulisse für surrealen Film“

So wie an diesem Nachmittag. Seit zwei Stunden sitzen Udo Richter und Norbert Kelling auf rot gepolsterten Stühlen vor dem Eingangsportal des Kulturhauses. Kaffeetassen stehen auf dem Rand eines steinernen Blumenkübels. Im Aschenbecher qualmt ein Zigarillo. Wo denn die Menschen seien, will Richter wissen. Der Künstler ist an der aktuellen Ausstellung beteiligt und gekommen, um die Bilder, Skulpturen und Installationen zu erklären – dem, der er etwas darüber wissen will. Fragend schaut er über den Platz. Hinüber auf die staubigen Fenster der Begegnungsstätte. „Absurd“, sagt er. „Das ist die Kulisse für einen surrealen Film.“

Kelling reibt sich das Kinn. Dann erzählt er vom Amt, das in Mestlin Zimmer in Mietwohnungen abschließe, weil die Wohnfläche für Hartz IV-Empfänger sonst zu groß ist. Davon, dass Leute aus dem Westen gekommen seien, die Land kaufen und dann ehemals öffentliche Spazierwege privatisieren. Davon, dass andere Gemeinden Flächen für Windkraft ausweisen oder Biogasanlagen. „Nur hier nicht – da muss doch endlich was passieren.“

Pendeln zwischen den Welten

Dabei kommen immer mehr Leute nach Mestlin. Um sich anzusehen, wie sie war – die DDR. Um in den Chroniken zu blättern, die auf dem Tresen im Foyer des Kulturhauses ausliegen. Claudia Stauss und ihre 16 Vereinskollegen können das allein kaum noch schaffen. Sie arbeiten ehrenamtlich. Wer die Telefonnummer auf der Webseite des Vereins anruft, landet auf Claudia Stauss‘ privatem Telefon und stört schon mal bei Proben der Ruhrtriennale in Bochum. Sie ist der Liebe wegen nach Mestlin gezogen. Aber um zu arbeiten, fährt sie nach Hamburg oder eben nach Bochum.

Bis nach Bochum bräuchte Norbert Kelling gute 16 Stunden. Mit seinem 25 km/h-Auto fährt er nach Parchim oder Goldberg. Zum Einkaufen. Weil, wie er sagt, die Regale im Mestliner Supermarkt leergefegt seien. Weggehen von dort – Norbert Kelling schüttelt den Kopf. „Woanders ist es auch nicht besser.“

Was bleibt von einem Nachmittag

Dem Schäferhund-Husky-Mix ist das gleich. Er hat in Alex und Ilena Spielkameraden gefunden. Die Kleine mit den blond gefärbten Haaren und den rosafarben lackierten Fingernägeln rangelt mit dem Rüden auf dem Marx-Engels-Platz um einen Stock. Was sie sonst macht nachmittags in Mestlin, fragt Udo Richter. Sie schweigt. Richter nimmt die Kaffeetassen, greift einen Stuhl und wendet sich zum Gehen. „Willst Du jetzt etwa nach Hause fahren?“ Ilena kneift die Lippen zusammen. Sie wird bleiben. Auf dieser Insel. Und sieht ihn schwinden – ihren Moment, in dem etwas anders war in Mestlin.

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