Schulterschluss vollzogen

Der Markt in der kleinen Stadt in Norddeutschland lässt viel Platz für die etwa 40 Menschen, die sich am 9.11.2020 dort einfinden. Genug Platz, um Abstand zu halten.

Sie liegen sich in den Armen, reichen einander die Hand. Er wolle sich nicht von politischen Interessen instrumentalisieren lassen, sagt einer. Wir kennen uns aus dem Stadtbild. Als Sozialarbeiter in der Jugendbetreuung, inzwischen berät er Süchtige.

Ein paar Meter weiter steht eine Frau dort, wo sich die Wege über den Platz kreuzen. In der Mitte. Aus der Mitte der Gesellschaft, wie sie betont. „Nicht rechts, wir sind keine Nazis!“ Sie ruft das. Wie das Wort „Diktatur“, die hier herrsche und gegen die sie auf die Straße gehe.

Zu wenige seien es noch immer, beklagt der Ehemann. In Bautzen habe er gesessen. Prügelstrafe kassiert. „Von Dir, mein Sohn, lasse ich mir gar nichts mehr sagen. Wenn Du mich hier wegprügeln willst, wirst Du was erleben!“ Den Zeigefinger hält er dem jungen Polizisten unter die Nase, und zieht dann den Reißverschluss seiner Jacke auf.

Seine Frau spricht unterdessen von der Unterdrückung des Volkes. Davon, dass die Polizisten doch keine Schlafschafe mehr seien, dem Souverän, dem Volke, also ihnen – den knapp 40 – verpflichtet seien. „Schließt Euch uns an! Ihr seid doch die Guten!“ Sie klatschen. Darunter eine Sozialarbeiterin eines anerkannten Trägers.

„Chantalle!“ Eine junge Frau kommt auf sie zu. „Ich hab‘ am Wochenende einen getroffen, der Corona hat!“ Ungläubige Gesichter. „Ja! Ich hab‘ ihn besucht – höhöhö!“ Nun wolle sie „saufen“ gehen. „Chantalle! Nicht! Du gehst jetzt nach Hause! – Höhöhöh!“

„Wir sind friedlich, wir sind keine Nazis“, proklamiert die Frau des Bautzen-Inhaftierten wieder. Sie möge die Versammlung anmelden, bittet der Polizist wiederholt. „Wozu?! Seit wann muss man Versammlungen anmelden?!“, ruft ein Mann, weißgrauer Vollbart, neongelbe Warnweste. „Wir melden hier gar nichts an!“ Sie klatschen.

Die Frau verlässt die Mitte des Platzes. Läuft langsam um die Polizisten herum. Schwingt die Arme vor und zurück im Takt ihrer Melodie. „Friede. Freiheit. Kei-ne Dik-ta-tur. Friede. Freiheit. Kei-ne-Diktatur. Friede. …..“

Ein Mann geht auf die Polizisten zu. Schwarze Hose, schwarze Lederjacke. Die schwarze Mütze tief in die Stirn gezogen. Er zieht seinen Ausweis hervor, reicht ihn dem Polizisten. Anmelder der Versammlung: der Vorsitzende des Ortsverbandes einer Partei der kleinen Stadt in Norddeutschland. Die knapp 40 klatschen. Sie beklatschen ihren Schulterschluss mit der AfD. Am 9.11. dieses Jahres.

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