Am Strand unter gelben Flaggen

Der Wagen ist größer dieses Mal. Der Mann am Steuer ein junger. In Badeshorts, türkisfarbenem Hemd, Sonnenbrille im pechschwarzen Haar. Auf der Rückbank liegt die Geschichte eines ebenfalls jungen Mannes. Aufgewachsen in außerordentlich wohl situierten Verhältnissen, verschenkt er eines Tages all seinen Besitz, macht sich ohne ein Wort auf und davon, um in der Wildnis zu leben „It’s my favourite book“, sagt Khaled. Es ist die Geschichte eines gelebten Lebens. Und ein wenig scheint sie auch Khaleds Geschichte zu sein.
Khaled spricht leise und besonnen, als er erzählt, warum es so unfassbar stinkt an der Autobahn. „It’s the garbage of Beirut. It’s like a huge, huge mountain. They collect it here.“ Die Firma, die den Müll verwerten soll, komme seit Jahren nicht zum Zug. Weil sich die Politiker im Parlament nicht einigen können, wer von ihnen Anteilseigner wird und verdient am Müllgeschäft. „It all about corruption.“
Frei davon sei nur die Hezboallah. „They are the only one who don’t care about corruption. That’s why they get stronger and stronger as you can see in last election.“ Das Maschinengewehr über den arabischen Schriftzeichen auf gelbem Grund weht als Fahne alle paar Meter am Straßenrand. „This is Hezbollah area.“ Wir sind auf dem Weg zu einem der Mittelmeerstrände, an denen niemand 50 Dollar Eintritt verlangt.
Wir stoppen hinter einem Wagen der UN. Der Wagen der United Nations Forces in Lebanon (UNFIL) passiert die Straßensperre, den aufgerollten Stacheldraht, die Männer der libanesischen Armee, die auch uns durchwinken am Checkpoint. „This was all occupied by Israel“, sagt Khaled. Nicht wenige Menschen seien deshalb überzeugt davon, dass die Israelis ohne die Hezbollah längst in Beirut wäre. Und davor hätten die Menschen Angst. Ein Jahrhunderte währender Konflikt zwischen den muslimischen Sunniten, den muslimischen Schiiten, den Christen – unterstützt von den Großmächten Iran und Saudi-Arabien. Was er davon halte, dass die Sabaa-Partei die religiösen Gruppen zusammenführen will, dass sich schon jetzt Menschen jeder Glaubensrichtung dort zusammengefunden haben. „That’s good. We need a change in politics.“ Die Menschen hätten die Nase voll.
Dabei lieben sie das Leben. Versetzen ihre Häuser, ihre Appartements bei der Bank, wenn das Geld fehlt zum Ausgehen. „That’s the lebanese way. Meeting family and friends. Go out. Nothing matter what happens in politics, bombattacks or even war.“ Sie fahren an den Strand, der vor lauter Sonnenschirmen kaum einen Blick freigibt auf das sanft anlandende Türkisblau des Mittelmeers. „Do you want a chair? – Chair? – Yes. And a table, too?“
Fünf Stühle, ein runder Tisch, in dessen Mitte steckt der Sonnenschirm. Ein Mann bringt türkischen Mokka, Bier, Wasser, eine Shisha. Auf den Tischen der umliegenden Strandbesucher das gleiche Bild. Väter werfen ihre Töchter kopfüber ins Meer, Frauen rubbeln ihre Jungen trocken. Freunde pritschen einen Volleyball unter der brennenden Sonne, Pärchen knutschen im Takt der Musik, die von einer Motoryacht hinüber schallt – arabische Traditionals, US-amerikanische Charts. Es ist Ramadan.

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