An die Menschen in meiner Heimatstadt

Bürgermeisterwahl in einer Stadt mit rund 43000 Einwohnern. In einer Stadt, in der es brodelt. Weil die Wirtschaft wächst, sieben neue Wohngebiete zeitgleich erschlossen werden, um den Menschen Platz zu bieten, die herziehen. In einer Stadt, die gerade in der Tagesschau als attraktivste in ihrer Einwohnerklasse durch Millionen Fernsehhaushalte flimmerte.
Der Kampf der Kandidaten, die den Amtsinhaber ablösen wollen, um die Stimmen der Bürger, findet wenige Wochen vor dem Wahltag noch überwiegend auf Facebook statt. Bis einer der Kandidaten zum Bürgerdialog einlädt. 
In der Gaststätte Familien, Paare beim Abendessen. Der Kandidat mit seinen Parteianhängern an den reservierten Tischen bleibt zunächst allein. Dann gesellen sich zwei Männer dazu. Einer verteilt Flyer, die vor Chemtrails warnen. Der andere zeigt auf seinem HandyDisplay ein soziales Netzwerk, das Russlanddeutsche über die Aktivitäten der Partei des Kandidaten auf dem Laufenden hält. 
Der Kreisvorsitzende ergreift das Wort. Sagt, was alles anders werden muss in der Stadt, besser. Damit die Stadt lebens- und liebenswert bleibe. Diesen Mist wolle sie sich nicht anhören, ruft eine Frau hinüber. Der Abend ist ganze zwölf Sätze alt. 
Der Kandidat steht auf. Erzählt seinen Werdegang. „Lauter“, ruft einer der Genossen. Geboren in, auf die und die Schule gegangen. Der Kandidat bleibt leise. Er wolle die Leute nicht stören beim Essen. Gelernt habe er dort und dort und in vielen Berufen gearbeitet. „Hat noch jemand Fragen?“ Keiner.
Die Genossen wollen nun stattdessen wissen, wie der Kandidat Wismar verändern will. Ein 10-Punkte-Plan liegt bereit auf einem Zettel. 10 Stichworte darauf – Demokratie stärken, Sauberkeit, Jugendklubs, Zuzug stoppen, Wirtschaft stärken sind einige. Er zählt sie auf, mal liest er sie ab. Nach jedem Stichwort ein Satz: Das müsse man anders machen. Oder besser. Darum müsse man sich kümmern. „Hat noch jemand Fragen?“ Keiner. 
Der Kreisvorsitzende will es dann genauer wissen. Demokratie stärken, was das denn sei. Der Kandidat beschreibt ein Bauvorhaben, für das es mehrere Varianten gibt. Er soll sie erklären. „Ja, da hätte man sich die Pläne ausdrucken und mitbringen müssen.“ Dann folgen weit ausholende Arme, die einen „komischen Bogen“ beschreiben. Nach seinem Willen sollen die Bürger darüber entscheiden, welche gebaut wird. Es geht um den Ersatz für eine knapp 400 Meter lange Brücke, gegründet auf Pfählen in einem Teich. Um den Teil einer Landesstraße. 
„Was sagst Du denn zum Busverkehr?!“ Die Preise seien extrem gestiegen, antwortet der Kandidat. „Ich weiß zwar nicht, was es jetzt kostet. Aber es ist deutlich teurer geworden.“ Das müsse man sich mal angucken, wenn man auf die Daten Zugriff hat. Im Bürgerinformationssystem des Landkreises sind die für jeden zugänglich. 
Was er denn fürs Parken in der Innenstadt tun wolle. Man könne vielleicht die kleinen Gewerbetreibenden steuerlich entlasten. Wie er den Zuzug in die Stadt stoppen wolle. Beim Innenminister wolle er sich dafür einsetzen. Der Kreisvorsitzende ergänzt, dafür sei ein Landtagsbeschluss nötig. Er weiß es, er sitzt dort im Parlament. Wer vom Zuzug in diese Stadt abgehalten werden soll, das sagt niemand. Die Genossen wissen, von wem die Rede ist. „Wie viele haben wir denn hier überhaupt?!“ Der Kandidat überlegt. Sagt, es wäre gut, sich mal die Zahlen zu besorgen.
Das Bürgerinformationssystem des Landkreises gibt auch darüber Auskunft. 

Mit mir gekommen zum Bürgerdialog ist der Bürgermeister eines kleinen Dorfes unweit der Stadt. Was er vom Kandidaten im Hinblick auf die Stadt-Umland-Beziehungen zu erwarten habe, will er wissen. „Stadt-Umland-Beziehungen?“ – „Ja. Wie stellen Sie sich den Umgang mit den angrenzenden Gemeinden vor. Ihre Stadt platzt aus allen Nähten.“ – „Aus allen Nähten? Wieso?“. Der Bürgermeister des kleinen Dorfes atmet vernehmlich aus. „Was befähigt Sie dazu, 400 Mitarbeiter zu leiten und einen zweistelligen Millionenhaushalt zu verwalten?“ Es antwortet der Kreisvorsitzende – der Amtsinhaber gehöre abgelöst. Es ergänzt ein Genosse: „Du hast dann ja eine Sekretärin, die Dir zuarbeitet.“ Dann antwortet der Kandidat – er habe in vielen Berufen gearbeitet und sich da immer reingefunden. Damit habe er kein Problem. „Ich sehe es als meine Aufgabe, Bürgermeister zu werden.“

2 thoughts on “An die Menschen in meiner Heimatstadt

  1. Unbesehen vom Inhalt wie immer ein einziger Genuss von dir zu lesen! Etwas Bedauern kommt dennoch auf. Ich denke du arbeitest dich am Symptom ab anstatt die Ursachen zu benennen. Kannst du heute dem einfachen Arbeiter tatsächlich die SPD als politische Heimat verorten? Nach Rentenreform, Harz, Agenda 2010, Gender-Wahnsin, und was noch alles von dieser Partei angestoßen oder zumindest mitgetragen wurde. Erstaunlich, dass nicht bereits größere Massen nach einer Alternative suchen. Thilo Sarrazin meint, dass dieses nur eine Frage der Zeit sei. Und wo bitte, soll sich der konservativ denkende CDU/CSU vertreten fühlen? Doch nicht mehr in einer Partei welche die SPD schon längst links überholt hat. Ich denke, es wäre notwendig, wenn auch nicht erfolgversprechender, den Finger in diese Richtung zu bewegen. Die geistigen Wegbereiter sind die egomanischen Führungsgestalten der etablierten Parteien!

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