Stilles Wiedersehen

„Geschafft?! Habt Ihr es geschafft?!“ Amani nickt ins Telefon. Oft hat sie diese Frage schon beantwortet an diesem Tag. Die Mutter, die Cousinen, die Brüder – sie lauschen. Niemand muss Arabisch können, um zu verstehen. Jeder kann es hören. Kann es sehen.

Die Hand der Mutter liegt im Nacken ihres Jüngsten. Die Finger kraulen den jugendlichen Hals. Der Zwanzigjährige – er lächelt leise. Er, der seine Mutter wiedersieht nach mehr als einem Jahr. In einer Stadt in Norddeutschland.

Zwei Doppelstockbetten in einem Zimmer der zweiten Etage. Die Spinde haben drei junge Syrer gerade leer geräumt. Sie werden nun zugeteilt. Nun, da sie registriert sind in der Erstaufnahmeeinrichtung.

Amani und die anderen haben das Zimmer bekommen. Bettwäsche. Handtücher. Essensmarken. Mehr als eintausend Menschen warten dort darauf, wie es weitergeht. Zu viele, sagt der Leiter. „650. Für 650 haben wir eigentlich nur Platz.“

Er wischt das Eigentlich beiseite. Wieder und wieder. Er tut es, als er sie aufnimmt. Amani und die anderen. Die in München in den Zug gestiegen waren, um zu ihm zu fahren – zum Jüngsten, dessen Nacken die Mutter nun krault.

Bis das Telefon erneut klingelt. Der Vater. Zurückgeblieben in Damaskus. Er will die sprechen, die seiner Familie geholfen haben. Er dankt. Dankt und dankt. Die Helfer – sie sind es nun, die nur nicken können.

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