„Sag‘, wohin soll die Ukraine“

„Nach Deutschland? Will ich nicht zurück.“ Jürgen schüttelt den Kopf und lehnt sich zurück. Den Blick noch immer hinaus auf die Landschaft gerichtet, die seit etwa einer halben Stunde unter uns vorbeizieht. Die kräftigen Arme verschränkt vor dem nicht minder kräftigen Brustkorb. 30 Kilo zugenommen, sagt er und sieht an sich hinab. Seitdem er nicht mehr trainiere. Motorrad sei er gefahren. Dann schnellt er nach vorn. „Der Fluss! Der Fluss!“ Ein breites Band windet sich durch sattgrüne Wälder, verzweigt sich, gibt Inseln frei. Ein Angelparadies, schwärmt Jürgen.

Vor 13 Jahren ist er in die Nähe von Kiew gezogen. Auf ein Dorf. „Wenn der Taxifahrer wenig erzählt, dauert die Fahrt eine Dreiviertelstunde. Erzählt er viel, dauert es länger.“ Die Wohnung im Gästehaus seines Vermieters. Ein kleiner Garten. Bei einem Selbstgebrannten fragt der Jürgen eines Tages: „Sag‘, wohin soll die Ukraine. Russland oder EU.“ Aus der Politik halte er sich raus, sagt Jürgen, während die Maschine der Ukrainian Airline in den Landeanflug sinkt. „Dieses Land ist so reich – die Landwirtschaft, die Bodenschätze, die Menschen. Die brauchen eigentlich weder Russland noch die EU.“

Die Ukraine als zweite Schweiz? Denkbar, sagt Irina ein paar Stunden später, als wir nach dem Abendessen zum Maidan hinunter spazieren. „Die Ukraine hätte das Zeug dazu.“ Aber wer außer dem Land selbst ein Interesse daran?

Mild ist es unter den Kastanien. Auf dem breiten Trottoir Mädchen im Kleid. Im Rock. Hosen sehen wir selten. Stolze Jünglinge dagegen viele. Die Straße der Verliebten, denken wir fast zeitgleich, als wir bei einem nächtlichen Kaffee den Blick schweifen lassen.

Auf dem Maidan ist es dunkel. Miliz steht in einer Ecke. Ein Obdachloser hat sich unter einem Torbogen mitten auf dem Platz in seinem Schlafsack zusammengerollt. Ein paar Schritte weiter Kerzen. An die einhundert Kerzen. Hinter jeder ein Foto. Ein Gesicht.Ein Ort. Ein Alter. Ein Beruf. Bilder der Toten. Junge. Alte. Lehrer. Wissenschaftler. Journalisten. Ingenieure. Arbeiter. Auf dem Maidan – Stille.

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