Heilige Nacht in Jerusalem oder Jakob und der Tag danach

„Come with me! From the balcony of my apartment I’ll explain it all to you!“ Wir treffen Jakob in Jerusalem. In der Altstadt. Kurz vor Mitternacht.

Die unzähligen kleinen Läden in den schmalen Gassen, in den Torbögen und hinter den engen Treppen sind längst geschlossen. Die Soldaten am DamascusTor nicken nur müde, als wir hineingehen in das Wirrwarr an Geschichte. Die Menschen haben sich hinter ihren Fenstern zur Ruhe gelegt.

Bis auf Jakob. Mitgehen? Finden wir da je wieder raus? Mitgehen. Hinauf abseits einer der Gassen führt Jakob uns vor eine Türe. Stahl. Eingelassen in diese Jahrtausende alte Mauer. Fest verschlossen. „Wir wohnen hier sehr dicht beieinander – sieben Familien in diesem Haus“, sagt er und legt den Zeigefinger auf Ober- und Unterlippe. Ein dumpfes Plong, und die Tür gibt den Weg frei auf einen schmalen Steinpfad. Zur rechten wieder Türen. Schmal. Und noch schmalere Fenster. Noch eine weitere Treppe hinauf. Hinter der Tür zu Jakobs Heim ist es duster.

Wir treten ein in den Raum, der Wohn- und Schlafzimmer in einem ist. Eine Frau schreckt hoch von ihrem Bett. Schlägt die Decke zurück und sieht Jakob fragend an. Micha und ich einander auch. Aus dem anderen Bett ein Brummen. Maryam und Suleiman – Jakobs Eltern – sie sind nun wach.

Meerblauer Minzlikör fließt in drei Gläser. In der Küche setzt Jakobs Mutter Wasser für Tee auf. Er reicht uns vom Weihnachtsgebäck, das in ein paar Stunden auf die Familie wartet. 40 Mann. Brüder. Schwestern. Enkel. Neffen. Cousinen. Heilig Abend in Jerusalem.

Wir steigen eine weitere Treppe hinauf auf den Balkon. Der Ölberg vor uns. Die Al Aksa Moschee fast vor der Nase. Eine Kirche zur Linken. Still liegt die kalte Nacht auf Dächern und schlafenden Häuptern.
Hart sei es, in Jerusalem zu leben. In der Altstadt zu leben, sagt Jakob. Immer gebe es Ärger. Zwischen Juden und Christen. Zwischen Muslimen und Juden. Zwischen Christen und Muslimen. Immer wieder küsst er das goldene Kreuz, das an einer Kette um seinen Hals hängt. „When the jews see this as I’m walking through the streets, they lift up their hand to put it on their eyes – as if they’ve met the devil!“ Aha.

Die Kreuzigung Jesu Christi. Dessen Leidensweg. Dessen Geburt. Der Kampf um den wahren Glauben. Das alles auf diesem einen Quadratkilometer. Das alles an diesem Abend. Jakob glaubt. Er glaubt sehr. Auch wenn er sagt, die Muslime ließen sich leichter zurückführen zum Christentum als die Juden. Aber eines Tages würden sie alle zurückkehren zu Jesus. Aha.

Jakob hat viele Touristen geführt durch Jerusalem. Die Guides heute nehmen 500 Dollar und mehr – pro Stunde. Er hat in einer Autowerkstatt, in einer Bäckerei gearbeitet. Er stand als Knabe neben der Nähmaschine seines Vaters. Einer Singer. „Bleib‘ nur hier, mein Sohn, und lerne.“ Doch Jakob wandte sich ab, ging spielen. Dafür könne er sich noch heute in den Finger beißen, sagt er. Schneider Hanis BrautKleider – im Nahen Osten tanzten sie auf vielen Hochzeiten. Und haben die Familie wohl genährt.

Heute nähren die Hanis Touristen und Einheimische in ihrem Restaurant „Versavee“ am JaffaTor. Angefangen hat alles in einem kleinen Kiosk. Mit Zigaretten, Alkohol, Snacks. Aus einem wurden Dutzende. Dann kauften sie das Lokal – die Brüder Jim, Jack, Joe und Gabriel. Drei Millionen Euro Umsatz, sagt Jakob, machen sie nun im Jahr.

Dank der Menschen, die wie Micha und ich durch eines der Tore stapfen. Vielleicht wie Micha und ich auch mit jener romantischen Vorstellung von dem, was dahinter liegt. Ohne Ahnung vom Mittagsgebet, das am folgenden Tag von der Al Aksa Moschee zu uns hinunter wehen wird an die Klagemauer. Von den Lauten, die von selbiger aus Hunderten Kehlen dagegen angehen. Von den teils irren Augen, die in die Gebetsbücher starren und sich abwenden, treffen sie zufällig auf uns. Die Andersgläubigen. Die ohne Tora in der Hand. Ohne Locken entlang der Schläfen. In Hose statt Rock. Die sich abwenden, als fühlten sie sich von unserem Anblick beschmutzt. „Lass‘ uns nach einem Platz für die Friedlichen suchen“, sagt Michael. Ich nicke. Wir suchen. Und finden ihn vor den Toren. Oberhalb einer viel befahrenen Straße. Auf dem Rand eines Blumenbeets.

One thought on “Heilige Nacht in Jerusalem oder Jakob und der Tag danach

  1. Liz
    (Dienstag, 30 Dezember 2014 10:02)
    Liebe Nike
    Jerusalem weckt vorwiegend gute Erinnerungen. Es ist immer ein Kampf der Religionen – aber auch viel Güte und Freundlichkeit. Ich hatte in der Nähe des Damaskustors gewohnt und mich im arabischen Viertel wohl gefühlt. Die Altstadt bietet so viel Schönes, nur wir Menschen sind nicht bereit, zu teilen…..
    Herzliche Grüsse und danke für deine Berichte
    Liz

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