Die zerstörte Ehre des Herrn K.

Der erste Abend in Latchi. Nimmt sich gut aus. Frisch geduscht, suchen wir nach dem Restaurant, das uns der HafenOfficer empfohlen hat. Geführt wird es von dessen Vater.
Wir finden es nicht. Laufen auf der Promenade entlang dunkler Restaurants. Die Saison in Latchi – vorbei. Wir fragen einen Mann nach einem Lokal – und sitzen kurzerhand in Nicos PickUp.

Linksverkehr. Die Bergstraßen hinauf in ein Jahrhunderte altes Dorf. Weihnachtskrippen aus Leuchtschlangen am Straßenrand. Hinein in eine kleine Taverne. Dort fliegen die Teller nur so, tischt uns Spriton, der junge Wirt, innerhalb nur einer Stunde die gesamte zypriotische Küche auf. 17 Leckereien später braucht es ein Glas Ziviana. Reinen Alkohol. Und Nico, Andreas, Viron und Kiriakos stellen ihren Tisch an den unseren.
Unser dänischer Tabak findet Begeisterung. Ich drehe im Akkord. Wieder die Frage danach, ob wir ein Paar seien. Verheiratet? Boyfriend? Father? All‘ das verneinend, werde fortan nur noch ich mit Fragen und Erzählungen bedacht. Werde eingeladen, am nächsten Morgen mit Kiriakos in den Wald in die Berge zu fahren. Um weiße Pilze zu suchen.

Kiriakos betreibt einen Zeltplatz, ist Fischer und Pilzesucher in einem. 59 Jahre alt. WalrossSchnauzbart. Das tiefschwarze Haar über den kahlen Kopf nach hinten gekämmt. Mit einem Komboloi spielend statt zu rauchen.
Familie, Heimat, den Geburtstag – alles wollen sie wissen. Und dann erzählen sie. Vom Krieg um Zypern. Davon, dass Viron ein großer Kommandeur gewesen sei, der viele Männer verloren habe. Dass Brüder und Freunde gefallen seien. Marmaris – Marmaris werde eines Tages wieder den Griechen gehören. In den Gesichtern finstere Entschlossenheit.
Der Krieg um Zypern – so schnell auf dem Tisch wie die zypriotischen Speisen zuvor. So schnell aber fegen die Männer das Thema auch wieder hinfort. Sie halten Michael inzwischen für einen türkischen Agenten. Zu oft war ihm ein teşekkül, ein türkisches Danke, rausgerutscht. Nach all‘ den Wochen in der Türkei. Wir sehen uns an.
Nico fährt uns wieder hinunter – die Verabredung für den Morgen 8 Uhr zum Pilze suchen indes steht.

An der Sandine im HafenpolizeiBüro hat die Schicht gewechselt. Ich werde reingewunken. Woher? Verheiratet? Wie alt? Micha geht schlafen. Ich bleibe noch. Beantworte die Fragen. Verabrede mich mit Christophorus für halb sieben auf einen Kaffee. Griechische Männer lieben deutsche Frauen, sagt Chris. „They’ve got a secret.“ Aha. Mal wieder entfährt mir ein aha.

6:30 Uhr. Christophorus reicht ein mit Reis und Aprikosen gefülltes Frühstücksbrot. Kaffee dampft aus den Tassen. Zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, hat er. Er zeigt die Fotos auf seinem Handy. Latchi – ein Paradies, um Kinder groß zu ziehen, sage ich. War einmal, erwidert er. Drogen – immer mehr Drogen würden nach Zypern geschmuggelt. Chris macht Feierabend. Feiermorgen. 8 Uhr rückt näher. Pilze suchen mit Kiriakos.

Der nächste Kaffee mit Micha. Ihm ist unwohl bei der Sache. Mir auch. Micha also wird zum Treffpunkt gehen, Kiriakos sagen, dass ich nicht mit ihm kommen werde in den Wald. Ich warte auf dem Boot. Sehe beide den Steg entlanglaufen – mit Kurs Sandine. Kiriakos kommt an Bord. Mit traurigen Augen und verständnislosem Blick. Ich gehe unter Deck. Froh, Kaffee kochen zu können. Oben ein paar Worte. Dann Schweigen. Wieder ein paar Worte. Kiriakos trinkt den Kaffee nicht aus. Vielleicht sieht man sich noch einmal wieder, wird er zum Abschied sagen.

Die folgende halbe Stunde werden Kiriakos und der Ausflug in die Pilze unser Thema sein. Dann setzen wir uns in ein Restaurant. Treffen auf Chris, den Hafenpolizisten. Mit Irine, der kleinen Tochter. „Hach, er wird das überleben!“, winkt er ab, als wir ihm von der Begegnung, der Einladung zum Pilze suchen mit Kiriakos erzählen. “ It would have been a bit boring. And risky, too.“

2 thoughts on “Die zerstörte Ehre des Herrn K.

  1. Hi Nicole, sehr schön geschrieben 🙂 Bin gespannt wie es weitergeht. Wünsche Euch alles Gute und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel! Viele Grüße aus Taşucu auch an Michael, Uwe

    1. Hey Uwe, danke! Taşucu hat seinen eigenen Text! Eigentlich sogar zwei! Auf bald! Wir kommen wieder! Grüße von Micha und mir!

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