Von Menschen und Taşucu

„Where are you from?!“ Fast immer ist es diese Frage, die uns die Menschen zuerst stellen. In einem KöfteImbiss wird die Frage hinzukommen, ob wir – Michael und ich – verheiratet oder Vater und Tochter sind.

Rama ist es, die fragt. Aus ihrem wunderschönen Gesicht lächelt die Güte. 20 Jahre gerade ist sie alt. Aus dem Libanon. Geboren in Stuttgart. Taşucu – nun ihr Zuhause. Immer wieder kommt sie an unseren Tisch. Bewirtet uns köstlich. Immer wieder starren Michael und ich in dieses ebenmäßige Antlitz. In diese warmen Augen. Starten auf die Lippen, die sich immer wieder aufs Neue zu einem Lächeln formen. Kaum wollen wir das Lokal verlassen. Als wir doch aufbrechen, werden wir sieben Tee getrunken haben.

Der Supermarkt ruft. Bunkern für die Überfahrt nach Zypern. Bananen, Orangen, Äpfel, Milch und Wasser – viel mehr brauchen wir nicht. Doch, das türkische Teegebäck.

Ausklarieren beim Hafenmeister. Der hat eine Telefonnummer hinterlassen. Wir erreichen ihn nicht. Dafür geht Mike an sein Telefon. „In einer halben Stunde bin ich da!“ Dann regele sich das schon. Mike – der Mann, der zwei Tage zuvor rief, „kappt die Ankerkette“. Mike, der gestern mit Ali und Uwe den versenkten Anker samt Kette wieder hinaufholte. Mike – der AmiDeutschTürke.

Einsteigen in einen blauen PickUp. Ab ins Hafenmeisterbüro. Ein etwas verhaltenes Lächeln schlägt uns entgegen. Die Pässe werden gedreht und gewendet. Die Papiere der Sandine studiert. Am Ende haben wir das, was wir brauchen. Durch die Regen nassen Straßen hinüber zu Polizei und Zoll. Geschlossenes Eisentor. Müde Beamte. Mike übernimmt. Wir sitzen artig daneben. Michael füllt Formulare aus.
Der Zollbeamte – nicht da. Mike ruft ihn an. Holt ihn Zuhause ab und fährt ihn in sein Zollbüro. Nach zweieinhalb Minuten – „finished? – yes, finished“, sagt er. Und ist wieder verschwunden.

Wir bitten Mike, uns zum Abendessen zu begleiten. 27 Jahre Deutschland. 17 Jahre USA. Dazwischen Jahre in İstanbul. Und nun – seit einigen Jahren – Taşucu. 15.000 Einwohner. Der Winter dauert hier einen Monat. Palmen. Strand. Ziel unzähliger Flüchtlinge. Derzeit vor allem aus Syrien.

Einer von ihnen: Muhammed. Keine zwölf wird er sein. Die ernsten Augen täuschen. Stolz bugsiert er das Tablett mit Çay durch die Veranda des kleinen Lokals hinüber zu den Männern, die dort beisammen sitzen.
„Die Türken geben denen einfach Arbeit“, sagt Mike. Muhammed spricht kein Türkisch. Na und, sagen die Einheimischen. „Jeden Tag lernt er ein wenig mehr.“

Wir erfahren viel an diesem Abend über die Türkei. Über den schnellen Aufschwung, der neue Atomkraftwerke fordere, weil die Tausenden Windkraftanlagen, die Wasserkraftwerke und Solarparks den Hunger der boomenden Industrie nicht mehr stillen können. Über die Kirchen, die hier in der Gegend von Taşucu sogar unter Wasser stehen. Mike zeigt uns die Flüchtlingskähne, die nur ein wenig abseits der Sandine an Land liegen. Kähne, mit denen wir nicht einen Meter hinaus aufs Wasser führen, stünde selbst jeden Meter ein Schiff der DGzRS.

Drei Stunden bleiben noch bis zum Auslaufen. Nachtfahrt. 17-Stunden-Törn. Taşucu – wir kommen wieder.

Was bleibt, ist ein Gedanke: Welch‘ verschlossenes Volk sind wir Deutschen. Ein Gedanke, der schmerzt.

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