Von einem, der auszog und nicht ankam

Tüzen, Goldberg, Passee. Ein paar Häuser zwischen herbstgrünen Hügeln, zwischen Wald und Feld. Gänse schnattern. Knapp zwei Tausend. Zu laut, befindet der Bürgermeister. Zu laut und zu dicht an den Wohnhäusern. Die Gänse soll es künftig nicht mehr geben. Stattdessen ist eine Ferkelaufzuchtanlage geplant. Gut 13.000 Tiere insgesamt. Beschlossen von der Gemeinde im Jahr 2010. Einstimmig.

655 Tierhaltungsanlagen stehen in Mecklenburg-Vorpommern. Schweine – mehr als 900.000. Rinder – mehr als 500.000. Hühner – mehr als 7,8 Millionen. Die Zahlen spricht Herr Müller an einem Freitagabend hinein in den Saal der Gemeinde Passee. In knapp 50, meist müde Gesichter. Herr Müller spricht für den BUND, für Bündnis90/Die Grünen. Ganz zu trennen vermag er es nicht. „Auf die ökologischen Folgen der Massentierhaltung komme ich später noch zu sprechen“,sagt er. Raunen in den drei Stuhlreihen. Zeit für eine Zigarette.

„Wat will der denn hier!“ Draußen schlingen die Frauen die Arme um die Oberkörper. Hastig pressen sie die Zigarette zwischen die Lippen, stoßen den Rauch hinaus in die Abendluft, wo er sich mit dem Nebel vermischt. Drinnen spricht Müller von Straathof, dem niederländischen Großinvestor. Zehntausende Viecher hat der Mann im Nordosten auf die grüne Wiese gestellt. Beziehungsweise in riesige Stallanlagen gepfercht. Und laut Müller schon 160.000 Euro Strafe gezahlt, weil er gegen Auflagen verstoßen haben soll. Raunen in den drei Stuhlreihen. Vereinzeltes Nicken.

Müllers Laptop wirft BodenKarten an die Wand. Stickstoff – Ammonium – Nitrat. Messwert – Grenzwert – Überschreitung. Dann führt Müller die steigende Gefahr durch multiresistente Keime aus. An die Wand kommt nun das Bild einer Frau, deren Gesicht mit roten Pusteln übersät ist. Kopfschütteln in den drei Stuhlreihen.

Die meisten Passeer arbeiten in der Landwirtschaft. Oder haben dort gearbeitet. In den drei Ställen der LPG – mitten im Dorf. Sind zwischen Hühnern, Rindern und Schweinen aufgewachsen. Die, die nun die Ferkelaufzuchtanlage bauen wollen, auch. Die Landboden Glasin GmbH züchtet Vieh, baut Getreide an, verbrennt Mais in einer Biogasanlage. Die Chefs wohnen dort, wo ihre Angestellten arbeiten. Haben die Passeer zu einer Versuchsanlage gekarrt, auf der Forscher ihnen erklärten, wie Emissionen verringert werden können. Haben die Passeer mit aufs Feld genommen und ihnen gezeigt, wie sie Gülle aufs Feld ausbringen. „Wir standen direkt daneben und haben uns unterhalten“, sagen die Passeer. Draußen. Bei der nächsten Zigarette.

Drinnen hat ein Künstler das Wort übernommen. Ein Mann aus Medow in Vorpommern. Auch dort hat die Gemeinde einer Massentierhaltungsanlage zugestimmt. Als sie erweitert werden sollte, haben die Medower protestiert. Zu viele Zusagen hätte der Investor nach dem Ok der Gemeinde nicht eingehalten. Raunen in den drei Stuhlreihen. Der hagere Mann in den hellgrünen Jeans mit den zerzausten, grauen Haaren macht, dass die Hälfte von den drei Stuhlreihen nach draußen geht. Zeit für die nächste Zigarette.

Die Versprechen der Landboden GmbH klingen nicht besonders vollmundig. Sechs, sieben Arbeitsplätze. Gewerbesteuer. Kein zusätzlicher Verkehr durch die Orte selbst. Die Anlage soll direkt an der Landesstraße entstehen. Der Niederländer Straathof, der Investor in Medow – von Passee so weit weg wie das Horn von Afrika.

Die Frau, die Herrn Müller und den Künstler nach Passee eingeladen hat, sitzt an diesem Abend in der ersten der drei Stuhlreihen. Mit ihr noch sechs weitere Gegner der Anlage. Sie könne nicht sagen, ob die drei Stunden etwas bewegt haben in der Gemeinde. Sie sei nach Passee gezogen vor nicht einmal vier Jahren. Da war die Ferkelaufzuchtanlage längst beschlossene Sache. Ihr Haus würde knapp 700 Meter daneben stehen. Die Tochter hätte bereits angekündigt, sie und die Enkelin kämen dann seltener.

Draußen beleuchtet der Mond das Gemeindehaus. Es ist Nacht geworden in Passee. Zeit für die letzte Zigarette. „Lass‘ die doch ihre Anlage bauen. Das is‘ hier’n Dorf. Und wer da kein Vieh will, soll dahin gehen, wo er hergekommen ist.“ Herr Müller vom BUND oder von den Bündnis90/Grünen hört das nicht mehr. So wenig wie die Passeer ihn gehört haben bei seinem anderthalbstündigen Referat. In unterschiedlichen Welten sprechen Menschen unterschiedliche Sprachen. Wer überzeugen will, sollte das wissen.

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