Menschlichkeit ist meine Religion

Drei Frauen. Drei Nijabs. Drei Konvertitinnen. Gebürtig in der DDR.

Begegnet sind wir ihnen am Tag der offenen Tür der Moschee. Im Frauenraum. Zwei sitzen auf einem Sofa, die dritte im Sessel. Schwarzer Tee und Kekse. Abgestandene Luft.

Wir werden die einzigen bleiben. Drei Stunden lang. Der Islam als der einzig wahre Weg. Drei Stunden lang. Wir fragen fast alles. Drei Stunden lang. Sie antworten auf alles. Wir diskutieren. Zweifeln. Und werden eines besseren belehrt. Drei Stunden lang.

Allah sei das arabische Wort für Gott, werden sie sagen. Folglich gebe es neben Allah keinen anderen. Sei der Islam der einzig wahre Weg. Sei der Koran – in Worten von Allah an seinen Propheten Mohammed herabgesandt und von selbigem in zwanzig Jahren zu Papier gebracht – die einzig wahre Schrift. Und nur die Überlieferung seiner Salafi – seiner Nachfolger – diene wahren Muslimen als Rechtweisung.

Bessere Menschen seien sie geworden. Seit sie den Islam leben. Seither könnten sie das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Seitdem zweifelten sie nicht mehr. Denn, was im Koran steht, sei bewiesen. So sei es geschehen. So werde es geschehen. Der Koran als Anleitung fürs Leben. Als Anleitung für jeden Schritt, den du gehst. „Niemand darf an Allah zweifeln.“

Sie wissen, dass sie – folgen sie dem Islam – im Paradies erwartet werden. Sie glauben nicht daran. Sie wissen es. Und sie fürchten die Strafe Allahs. Haben ein schlechtes Gewissen, beugen sie sich Minuten zu spät nach Mekka zum Gebet.

Sie folgen den Anweisungen des Korans. Wie die Hände nach dem Toilettengang zu reinigen sind. Wie das Essen zubereitet werden muss. Wie Frau und Mann miteinander schlafen dürfen. Nichts, was der Koran unberührt lässt im Leben eines Muslimen. Sie beklagen, dass viele Muslime der westlichen Welt anheim gefallen seien. Dass sie den Islam nicht mehr leben.

Sie tragen die Nijab. Die ganzheitliche Bedeckung habe sie selbstbewusster gemacht. Sie schütze vor den Blicken fremder Männer. SchlabberTshirts zu Beginn der Pubertät – sie waren meine Nijab.

Dass ich nie heiraten werde, löst Entsetzen aus. Dass ich deshalb nicht jeden Tag durch ein anderes Bett turne, mildert die strafenden Blicke nicht. Wir sprechen über Verhütung. Erlaubt nach dem Koran. Nur nicht dauerhaft. „Allah will, dass wir Kinder zeugen. Damit die Muslime mehr werden auf der Welt.“

Meine Begleitung ist gläubige Christin. Paradies oder Himmelreich. Für die drei Frauen gibt es kein Oder. „Ich habe eine Freundin. Die ist auch Christin. Ich habe ihr ein Mal gesagt, dass sie auf dem falschen Weg ist. Ich habe es ihr zwei Mal gesagt. Noch ein Mal werde ich es nicht tun. Sie ist nun auf dem Weg in die ewige Verdammnis.“

Meine Begleitung ringt um Fassung. Der einzige Moment in diesen drei Stunden, in dem sich diese Menschen mit unterschiedlichem Glauben emotional verletzen.

Und am Ende kommt sie dann doch. Die Frage danach, was ich beruflich mache. Und zum ersten Mal in 16 Jahren schäme ich mich. Versuche, die Frage zu ignorieren. Bis sie eine der Frauen zum zweiten Mal stellt. Und ich Antwort gebe.
Doch ich bin nicht als Journalistin gekommen. Sondern aus dem heraus, was mich zur Journalistin gemacht hat – aus Neugierde auf und aus Interesse an Unbekanntem. Beides vermisse ich vielfach in der aktuellen Berichterstattung über den Islam.

Sechs Stunden lang brauchen meine Begleitung und ich anschließend, um diese drei Stunden zu verarbeiten. Doch das war nur der Anfang. Warum Religion absolut sein muss, erschließt sich mir noch immer nicht.

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