Von Krokodilen und Freaks

Jacare – Fischerdorf mit Krokodilen also. Und WelcomePoint für TransatlantikSegler. Nun. Freaks, die meisten. So wie Jan. Jan aus Hamburg, in der SeglerSzene eine Berühmtheit. In der MenschenSzene eine Erscheinung. Nicht etwa ob seines Äußeren. Klein. Schmal. Von der Sonne gezeichnetes Haar. Ein paar Zähne fehlen. Eine Erscheinung wohl aber wegen seiner Art, sich das Leben zu greifen, wie es ihm passt. 
EinHand um die Welt will er. Mit einem Schiff, das vier Tonnen leicht und mit mehr als 265 Quadratmetern Segelfläche angsteinflößend übertakelt ist. Zum Vergleich: Sandine wiegt mit Crew und Kram 14 Tonnen. Die Segelfläche 110 Quadratmeter. Jan aber will einen Rekord brechen. Nach Wilfried Erdmann als nächster Deutscher allein und noch schneller als Erdmann um die Welt. Keine Ahnung, wie lange Erdmann gebraucht hat. Aber Jan wird mit diesem Schiff wohl schneller sein. Wenn er denn loskommt. Aus Jacare. 

Dass es noch ein paar Wochen dauern wird, ist gesetzt. Jan hat ein Loch im Bein. Fiese Bakterien, die sich bis zum Knochen vorgearbeitet haben. Hospital. Operation. Dann blutet er zwei Tage lang die Bar von Nicholas rot, während andere Segler jenseits der 60 nach brasilianischen Caipis mit nackten Oberkörpern zu eben so brasilianischen Rhythmen die Hüften schwingen, bis ihnen der Kopf auf den Holztisch fällt. 

Wir nutzen das Wlan in der Bar, um die Überfahrt vorzubereiten. Wind, Wellen, Regen – die Vorhersage macht Laune. Wir ändern die Route. Voraussegler haben von Piraten geschrieben vor Surinam. Und wenn wir ablegen später, wird Jan in Nicholas‘ Bar sitzen oder an Bord seiner Rennyacht, sein Buch schreiben und hoffentlich bald genesen. 

Did it

Ein paar Stunden Brasilien. Zwischen Englisch, Französisch, Deutsch und obrigada. Das portugiesische Danke brauchen wir oft auf unserem Weg durch die Instanzen. Wir bereiten das Ablegen vor. 10 Uhr Policia Federal. Zwei schwer bewaffnete Polizisten. Zwei Frauen hinterm Empfangstresen, über den immer mal wieder eine Tüte wandert, und ein Flatscreen an der Wand. Wir erfahren aus den brasilianischen Nachrichten, dass ein Polizeiwagen mit einem Omnibus kollidierte, ein offenbar in Brasilien sehr bekannter Mann mit seinem Motorrad tödlich verunglückte, dass die Istanbuler Schneemänner bauen auf der Straße. Wintereinbruch in Europa. Wir dürfen ein brasilianisches Popsternchen dabei begleiten, wie es mit einer blonden, braungebrannten Moderatorin übers Leben schwatzt. Lernen, dass ein Forscher das ultimative Mittel gegen Diabetes 2 gefunden hat. Offenbar verbunden mit einer Operation im Bauchraum. Mein Portugiesisch lässt keinen anderen Schluss zu. Eine Stunde und vier Minuten später treten wir hinaus in die Sonne. Die Officer haben die Pässe unserer Weltreisenden Flo und Franco gründlich gecheckt. Sehr gründlich. „Schlimmer als in Israel„, sagt Micha. 
Mit dem Piratentaxi weiter zur Hafenpolizei. Ein junger Mann hat uns an der Schnellstraße aufgegriffen und fährt uns nach Cabadelo. Nach einer halben Stunde erfahren wir im tiefgekühlten Büro: „The system does not run – tomorrow. You have to come back tomorrow.“ Nächster Stop Zoll. Der Mann, der Michael einen vierstelligen Betrag abgeknöpft hat fürs Einführen des Schiffes, haut seinen Kopf auf die Tischkante. Verharrt so einen Moment. Um dann die Arme zu heben, auf den Lippen die Worte: „Oh my god – this system drives me crazy!“ Michael und ich nicken wissend. Flo und Franco checken derweil, wo im Städtchen es das beste Obst und Gemüse für die Überfahrt gibt. 
Ich hab‘ die Hand an der Gurgel. An meiner. So bitter kalt pfeift die Klimaanlage an die von 30 Grad gewärmte Haut. Was dann passiert, können sich weder Michael noch ich erklären. „I will solve your problem – definitely. Believe me!“ Der Zollbeamte sagt das mit zweiundzwanzig Ausrufezeichen. Wir nicken wieder. Hoffend. Zack, zack sollen wir folgen. Zurück in das andere Büro, in dem the sytem auch nicht runs. Der Beamte verschwindet. Es duftet nach Fleisch. Nach einer halben Stunde kehrt er zurück. Mit einem Stempel und einer Unterschrift mehr in den Papieren. Ob er zu Mittag gegessen hat mit den Kollegen?“

Den letzten Stempel erwarten wir ein paar Meter weiter die Straße runter. „No. You have to go to João Pessoa. – But we’ve checked in here in Cabadelo?! – No. João Pessoa.“ Nebendran fährt ein Bus in die Hauptstadt des Bundesstaates Paraiba. Wir nehmen ihn und rumpeln in Brasiliens gefährlichste Stadt. Laut Statistik werden dort die meisten Menschen auf 100 000 Einwohner ermordet. Bei Tageslicht unter Palmen, entlang hellrosafarben, blau und gelb getünchter Häuser ist davon nichts zu merken. Im Gegenteil: Als wir das Büro der Hafenpolizei betreten und kaum Platz genommen haben zwischen den gut zehn Wartenden, ruft uns ein Officer. „Your documents, please.“ Keine zwanzig Minuten später ist alles erledigt. Wir können Brasilien verlassen. Die Uhr geht auf vier am Nachmittag zu. 

Dem Sommer gehör‘ ich

Leichter Fleece. Zwei Mal. Pffffffff. Die Mangrovenbäume am Ufer wiegen sich vor Lachen, als ich die Tasche auspacke am Morgen. Morgen nach deutscher Zeit. Die Crew schläft brasilianisch fest und tief. Und so verstaue ich Socken – kicha – lange Hosen …… im Schapp meiner Kajüte. Bei 28 Grad. 5:12 Uhr. Kein Stöhnen ob der Wärme. Kein Japsen. Kaum auch nur ein Wundern. Folgerichtig fühlt es sich an. Dass Sommer is. Als kennen Leib und Seele nichts anderes. 

Ein Hahn hat mich geweckt. Am Steg in der Marina in Jacare, wo Michael und ich am Abend einander die vergangenenen Anderthalbjahre im Schnelldurchlauf erzählen. Ach was, wir schaffen nur ein paar Wochen. Wo ich Florence und Franco kennenlerne, die Reis gemacht haben mit Mais, Oliven und Ei. Zwei junge Franzosen, die als Weltreisende im Gegensatz zu mir ihren mobilen Kleiderschrank schlauer bestückt haben dürften. Wo Micha erzählt, dass am frühen Morgen Delphine die Fischerboote umspringen hier im Fluss. Dass BleistiftFische aus dem Wasser schauen und Kakerlaken an Board selten sind. Dass RegattaWeltmeister Jan aus Hamburg mit seinem Schiff einen Steg weiter liegt – falls ich ihn kennenlernen will. Dass eine Straße – gepflastert mit Kopfstein – durchs alte Fischerdorf führt, das Jacare seinen Namen gibt. 

Viel zu erleben für nur einen Tag, der auch den Weg zu den Behörden einschließt in Cabadelo. Denn bald schon heißt es Segel setzen. 

NACHTRAG: Jacare heißt Jacare, weil es hier Krokodile gibt. Und Krokodil Jacare heißt. ……………

Danke, Axel. Danke, Leben.

Abends im Hafen. Nieselregen. Wind. Kälte. Am Bug der Sunrise Ausschau halten nach jemandem, der die Leinen annimmt am neuen Liegeplatz. Notwendig geworden, weil das Wetter verrückt spielen soll einen Tag später. Ein Anlegebier danach. Die Wellen spüren im Bein, im Bauch. Im Kopf. Die Sehnsucht spüren. „Wann legst Du ab.“ Die Frage geht auf die Sandine. In den MailEingang von Michael. 

Den Chef gefragt. Gebucht.

Fünf Tage später Frankfurt. UrlaubsbeginnBier in einer Kneipe am Hauptbahnhof. „Schmeckt die Zigarette? – Ja. – Manche rauchen sie mit Zusatzstoffen.“ Der Wirt grinst. Es ist die Aussicht auf Stille, die mich so grinsen lässt. Stille zwischen Himmel und Wasser. Er versteht. 

Am frühen Morgen danach Kaffee mit Serge. Rezeptionist im Hotel. „Glaube. Liebe. Hoffnung.“ Mehr sei nicht wichtig im Leben. 

Abflug. 

Unentschlossene auf der Suche nach einer Alternative

„Gemeindeschwestern! Die hatten wir zu DDR-Zeiten auch. Fand ich gut.“ Die ältere Dame tippt auf einen Flyer und legt ihn beiseite. Sieht sich um im Hinterzimmer eines Wismarer Hotels. Kurz vor Beginn der Veranstaltung sind noch ein paar Stühle leer an der langen braunen Holztafel. Sie werden sich füllen.
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