Landratswahl in Nordwestmecklenburg: Seele verkauft? Werte verraten?

Grüne und SPD im Landkreis Nordwestmecklenburg sehen die Schulen offenbar ausreichend digital ausgestattet. Kaum anders ist es zu erklären, dass eine zuvor mit der amtierenden Landrätin (SPD) abgestimmte Vereinbarung die Forderung der Grünen enthält: nicht abgerufene Fördermittel aus dem Digitalpaket Schule des Bundes – in Höhe von einer halben Million Euro – an Künstlerinnen und Künstler, an Kulturschaffende auszureichen. 
Wozu überhaupt aber diese Vereinbarung? In Nordwestmecklenburg stehen am 25. April Landratswahlen an. Die amtierende Landrätin möchte sich die Unterstützung der hiesigen Grünen sichern. Und das kostet. 
Dass die Grünen – wie heute in der Ostsee-Zeitung zu lesen ist – deshalb zwei eigenen Kandidaten eine Absage erteilten: Allein über dieses Politik- und Demokratieverständnis dürften sich Grünen-Wählerinnen und -Wähler wundern.

Und im Zusammenhang mit der Unterstützungsvereinbarung für die amtierende Landrätin lässt sich die Vorstandssprecherin der Grünen in Nordwestmecklenburg wie folgt zitieren: Man wolle „Themen, die uns am Herzen liegen, im Verwaltungshandeln verankern.“ Ein Landkreis aber, eine Landrätin, hat als Behörde nach Recht und Gesetz zu handeln. 

Auf sechs Seiten machen die Grünen ihre Forderungen auf. So soll laut Forderungskatalog beispielsweise eine neue Stelle „Klimaschutzmanager“ geschaffen, „Maßnahmen zur insektenfreundlicheren Gestaltung und Pflege von kreiseigenen Liegenschaften …“ getroffen oder ein Innovationsfonds für freischaffende Künstlerinnen und Künstler eingerichtet werden. Ob die halbe Million Euro aus dem Digitalpaket Schule dafür gedacht sind?

Für den Fraktionsvorsitzenden der SPD im Kreistag sind die Punkte laut Ostsee-Zeitung nicht strittig, der Forderungskatalog eine Diskussionsgrundlage. 

Politische Mehrheiten für SPD/Grüne gibt es im Kreistag Nordwestmecklenburg per se: keine. Die SPD hat 13 Sitze, die Grünen kommen auf 6. Insgesamt sitzen 61 Mitglieder im Kreistag.  

Schulterschluss vollzogen

Der Markt in der kleinen Stadt in Norddeutschland lässt viel Platz für die etwa 40 Menschen, die sich am 9.11.2020 dort einfinden. Genug Platz, um Abstand zu halten.

Sie liegen sich in den Armen, reichen einander die Hand. Er wolle sich nicht von politischen Interessen instrumentalisieren lassen, sagt einer. Wir kennen uns aus dem Stadtbild. Als Sozialarbeiter in der Jugendbetreuung, inzwischen berät er Süchtige.

Ein paar Meter weiter steht eine Frau dort, wo sich die Wege über den Platz kreuzen. In der Mitte. Aus der Mitte der Gesellschaft, wie sie betont. „Nicht rechts, wir sind keine Nazis!“ Sie ruft das. Wie das Wort „Diktatur“, die hier herrsche und gegen die sie auf die Straße gehe.

Zu wenige seien es noch immer, beklagt der Ehemann. In Bautzen habe er gesessen. Prügelstrafe kassiert. „Von Dir, mein Sohn, lasse ich mir gar nichts mehr sagen. Wenn Du mich hier wegprügeln willst, wirst Du was erleben!“ Den Zeigefinger hält er dem jungen Polizisten unter die Nase, und zieht dann den Reißverschluss seiner Jacke auf.

Seine Frau spricht unterdessen von der Unterdrückung des Volkes. Davon, dass die Polizisten doch keine Schlafschafe mehr seien, dem Souverän, dem Volke, also ihnen – den knapp 40 – verpflichtet seien. „Schließt Euch uns an! Ihr seid doch die Guten!“ Sie klatschen. Darunter eine Sozialarbeiterin eines anerkannten Trägers.

„Chantalle!“ Eine junge Frau kommt auf sie zu. „Ich hab‘ am Wochenende einen getroffen, der Corona hat!“ Ungläubige Gesichter. „Ja! Ich hab‘ ihn besucht – höhöhö!“ Nun wolle sie „saufen“ gehen. „Chantalle! Nicht! Du gehst jetzt nach Hause! – Höhöhöh!“

„Wir sind friedlich, wir sind keine Nazis“, proklamiert die Frau des Bautzen-Inhaftierten wieder. Sie möge die Versammlung anmelden, bittet der Polizist wiederholt. „Wozu?! Seit wann muss man Versammlungen anmelden?!“, ruft ein Mann, weißgrauer Vollbart, neongelbe Warnweste. „Wir melden hier gar nichts an!“ Sie klatschen.

Die Frau verlässt die Mitte des Platzes. Läuft langsam um die Polizisten herum. Schwingt die Arme vor und zurück im Takt ihrer Melodie. „Friede. Freiheit. Kei-ne Dik-ta-tur. Friede. Freiheit. Kei-ne-Diktatur. Friede. …..“

Ein Mann geht auf die Polizisten zu. Schwarze Hose, schwarze Lederjacke. Die schwarze Mütze tief in die Stirn gezogen. Er zieht seinen Ausweis hervor, reicht ihn dem Polizisten. Anmelder der Versammlung: der Vorsitzende des Ortsverbandes einer Partei der kleinen Stadt in Norddeutschland. Die knapp 40 klatschen. Sie beklatschen ihren Schulterschluss mit der AfD. Am 9.11. dieses Jahres.

Blicke wie eine Bitte um Hoffnung 

Samstagvormittag an einem Brunnen in der Altstadt. Gitarre, Querflöte, Percussion, Loopmachine. Männer stehen dort, hören zu. Junge. Alte. Frauen, Kinder, Jugendliche. Wer stehen bleibt, der muss sich entscheiden. Der muss entscheiden lassen. Ob die warme Stimme vordringt, eindringt. Die meisten bleiben stehen an diesem Vormittag.
Nicht für ein Lied. Nicht für zwei. Lieder von Coldplay, Sting oder Leonard Cohen. Und Titel, die keiner kennt. Sie lassen die Menschen auf Fensterbrettern Platz nehmen, auf dem Brunnenrand oder auf den Stühlen in den Cafés rund herum. Lassen sie stehen bleiben inmitten der Fußgängerzone. Die Hände in den Taschen. Das Kinn in der Hand. Die Arme vor der Brust verschränkt.

Muskelbepackte Männer stehen dort. Mit den Gesichtern kleiner trauriger Jungen. Paare schmiegen sich aneinander. Sitzen Schulter an Schulter.  Tränen wischen sich die Menschen von der Wange.

Allein – es ist nicht das andächtige Lauschen ehrlich gefühlvoller Musik. Kein Mensch ist ohne Sorge. Nie. Diese Musik macht die Urlaubsgesichter blank. Verzweiflung. Ohnmacht. Der Wunsch nach Antwort. Nach Sicherheit. Der Wunsch, begreifen zu können, was dieses Land, was die Welt seit Monaten in Ungewissheit hält. Nach einem Ende. Der Wunsch nach dem Ende dieses Dauerstresses. Blicke wie eine Bitte um Hoffnung.

Thomas Drost hat davon nichts gespürt. „Ich war mit mir vollkommen drin in der Musik.“ Und seinetwegen waren es die Menschen, die geblieben waren – stehend, sitzend. Sie waren drinnen bei sich – für diesen Moment, der kommen ließ, was ihnen auf der Seele saß.

Der Krieg sei vorbei

Dunkel ist es. Nasrim bläst die Kerzen aus. Zwölf an der Zahl – eine für jedes Lebensjahr. Fünf davon lebt Nasrim nun in einem Städtchen in Norddeutschland. Mit der Großmutter, dem Onkel und der Cousine. Die Mutter sieht sie fünf Jahre lang auf dem Handydisplay.

An diesem Tag nun ist sie zu spüren. Streichelt das volle schwarze Haar ihrer ältesten Tochter. Die sie gehen ließ vor fünf Jahren mit der Großmutter, der Cousine und dem Onkel. Als im Familienunternehmen niemand mehr arbeiten konnte. Weil Bomben fielen, weil die Militärpolizei die Arbeitskräfte an die Front zog. Weil Krieg war.

Nasrims Vater hat sie dann alle verkauft, die Maschinen. Die fürs Schneiden, fürs Binden, fürs Falzen. Fünf Jahre hat er so seine Familie ernährt. Das Geld ist aufgebraucht. Nun sei der Krieg vorbei, heißt es im Westen.

Aufbau – zurück mit all jenen, die anpacken können. Nasrims Vater holt das Handy aus der Hosentasche. Er scrollt lange, bis er das Video vom 25. Mai 2018 findet. Durch eine fensterlose Hauswand fällt der Blick auf Trümmer in Terrakottarot. In der Stadt nahe Damaskus liegen die Häuser auf den Straßen zwischen ausgebrannten Autos. In Nasrims ehemaligem Zuhause schieben Schuhe Schutt beiseite, eine Hand hebt das Fotoalbum auf, aus dem staubige Gesichter lächeln. Nasrims Eltern, der Onkel, die Cousine, die kleine Schwester.

Sieben ist die inzwischen. So alt wie Nasrim, als Männer sie im Sommer 2015 an der türkischen Küste in ein Schlauchboot heben. Am frühen Morgen. In orangefarbener Schwimmweste. Irgendwo draußen auf See blicken sie in die Handykamera: die Frauen, Männer, die Kinder – ängstlich, erwartungsvoll, gleichgültig. Nasrim hat davon nie erzählt.

Vielleicht spricht sie mit ihren Freundinnen darüber. Wenn Mutter und Vater zurückgekehrt sind in die Trümmer, zur Schwester, die sieben ist. Und zu der, die Nasrim noch nie sehen hat. Vielleicht erzählt Nasrim ihnen dann. Eines Abends, vor dem Einschlafen, wenn sie gemeinsam zwischen den Puppen und Legos liegen. Was passiert, wenn Menschen Menschen töten. Wenn Krieg ist.

Panama. Longread.

Bocas. Viel gesehen haben wir nicht. Nur den kleinen Zipfel im Südwesten. Die Mainroad mit den all den jungen Menschen, die zur Party einladen – im Club, auf dem Boot, nach dem Tauchen. Mit jenen, die ihre selbstgemachten Ohrringe, Ketten und Ringe auf Tischen auf der Straße verkaufen zwischen den Schlaglöchern. Mit den Häusern aus Holz in leuchtendem Blau, Rosa, Gelb, die erinnern an die, die der Wolf bei den drei kleinen Schweinchen einfach umpustet. Auf Bocas aber bleiben die Menschen vor Hurricans verschont. Liegt Sandine in der Marina sicher, heben mitunter nur die Kielwellen der vorbeirauschenden Shuttleboote das Heck sanft in die Höhe.
Fliegende Laboratorien

Hoch ist auch der Ton, auf den meine Ohren in den vergangenen Wochen nahezu trainiert wurde. Ausgesendet wird er von fliegenden Laboratorien. Entgegen der herkömmlichen Meinung werden sie weniger von Licht angezogen, als mehr von chemischen Elementen. Deren Zusammensetzung entscheidet, ob sich die fliegenden Laboratorien niederlassen. Am Ende meines SandineBesuchs konnte ich sie schon in mindestens fünf Metern Entfernung hören. Meine Blutgruppe und der Geruch meines tropisch-aufgeheizten Körpers taten das Übrige, um zu garantieren, dass sie auch tatsächlich auf mir landeten. Bevorzugt an den Ohren und im Gesicht. Denn da ist der von Ihnen favorisierte CO2-Ausstoß bekanntlich am größten. „Autan Multi Tropical“ war zum Weglachen nutzlos. „Off“ hingegen aus dem lokalen Supermarkt hüllte uns in einen Geruch von Kaugummi – und hielt die Mücken erfolgreich fern.
KaffeeBrian und KillingDon

Ziemlich nah hingegen kamen wir dem perfekten Kaffeegenuss. Es mussten zwei Wochen vergehen, bis ich bemerkte, dass in der Marina frischer Kaffee geröstet wurde. Brian aus Kanada fröhnte hinter dem MarinaOffice seinem Job, mit dem er sich das Leben in Panama finanziert.

Und dann war da noch Don. 75 Jahre alt, etwa 1,85 groß, wache Augen, trainierter Körper, schlohweißes Haar. Don, der auf seinem Katamaran einen Steg weiter lag, dessen Frau aus wohlhabendem Hause in Kolumbien stammt. Don, der im Vietnamkrieg einer US-Spezialeinheit angehört haben soll. Einer, die im Dschungel auf sich allein gestellt war, Schlangen, Käfer und sonst was aß. Einer, die lautlos kam und lautlos ging und ausgelöschtes Leben zurückließ. Als seine Pflichtzeit bei der Army vorbei war, seien sie zu ihm nach Hause gekommen, hätten an seine Tür geklopft und ihn gefragt, ob er weitermachen wolle. Für 25000 Dollar pro „Job“. „What we did, was wrong. It was nothing about protecting our country. It was completely wrong.“ Don arbeitete, machte in der Abendschule seinen Abschluss nach. Heute, 50 Jahre später, pendelt er zwischen Panama, Kolumbien und den Staaten.
CrackMan und French Carpenter

Die halbe Stunde im Wassertaxi zwischen den Inseln von Bocas und Almirante auf dem Festland trocknete der Fahrtwind von 18 Knoten meine Tränen. Ein junger Mann war als Guide an die Seite gestellt worden und lotste mich in Almirante zu CrackMan. Der schlug mit seiner Machete eine Kokosnuss auf, reichte sie mir und begann zu erzählen. Vom Crack, das er jahrelang geraucht habe. Bis seine erste Ehe das nicht mehr aushielt. Von seinem Vater und der Farm, die er ihm vermachen wollte. Er aber sei kein Farmer, habe keine Ahnung von Getreideanbau und Kühen. Von den zwei Häusern, die er inzwischen hat. Von seiner zweiten Frau und den Kindern. Davon, was den Wert eines Menschen ausmacht. Dass es nicht das dicke Auto sei, sondern dass sich der Einzelne einbringe in die Gesellschaft – mit seinem Talent, seinen Fähigkeiten – ob als Arzt, Bootsführer oder Kokosnussverkäufer. Und dass es die Aufgabe eines Staates sei, jeden Menschen dabei zu unterstützen, wertvoll für die Gesellschaft zu sein.
Während ich auf den Nachtbus nach Panama warte und noch über CrackMan nachdenke, grinst ein Mittfünfziger mit Halslängen grauen Haaren herüber. Im Laufe der kommenden 21 Stunden schnattern der Mann aus Südfrankreich und ich zwar unablässig, stellen uns einander aber namentlich nicht vor. Dafür unternehmen wir am Flughafen in Panama ausgedehnte Spaziergänge, nur um den Rauchverbotsschildern auf dem riesigen Gelände zu entfliehen. Und dann erzählt er von seiner Mutter, seiner Patentante und deren Mann. Die beiden Frauen schnattern und picheln einen Whiskey nach dem anderen, während der Mann depressiv in der Ecke sitzt. Bis er sich ins Badezimmer verzieht, um sich aufzuhängen. Das Vorhaben misslingt. Die Frauen finden ihn bewusstlos, ziehen ihn aus, wickeln ihn in einen Teppich und hieven ihn in den Kofferraum. Whiskey getränkt geht es dann über die Grenze in die Schweiz. „Behalten Sie ihn eine Woche“, sagt die Patentante in der Aufnahme einer psychiatrischen Anstalt. „In comparison to this I’m quite normal“, sagt mein französischer Begleiter.
There’re no postcards in del Toro

Eigentlich ist es ja Tradition und darf erwartet werden, dass Postkarten Wochen später in Euren Briefkästen eintrudeln. In Bocas – believe me – gibt es keine Postkarten. Es gibt nicht mal eine Post. Dafür ein FedEx-Büro, wo die Locals ihre Kommunikation mit Behörden abwickeln. Also nicht traurig sein.
Sandine und die Zeugen Jehovas

Tja. Dass Sandine verkauft werden soll, hatte ich schon berichtet. Einem Kaufinteressenten aus Deutschland hat Micha schon eine Absage erteilt. Boot und Interessent passen nicht zu einander.

Auch innerhalb der Marina ist das Interesse groß. Montag beispielsweise saß eine Zeuge Jehovas im Cockpit. Sandine soll unter ihm via Air bnb als Übernachtungsschiff dienen. Gestern sollte der Vertrag unterzeichnet werden. Der Zeuge erschien nicht.
Bleib‘, Sandine. Bleib‘. 

UPDATE: Sandine ist verkauft.