Unentschlossene auf der Suche nach einer Alternative

„Gemeindeschwestern! Die hatten wir zu DDR-Zeiten auch. Fand ich gut.“ Die ältere Damen tippt auf einen Flyer und legt ihn beiseite. Sieht sich um im Hinterzimmer eines Wismarer Hotels. Kurz vor Beginn der Veranstaltung sind noch ein paar Stühle leer an der langen braunen Holztafel. Sie werden sich füllen.
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Frieden allein reicht nicht

„Er ist integriert. Er hat’ne Krankenkassenkarte.“ Der Rettungsassistent lächelt gequält. Schiebt die Trage an den Tresen der Notaufnahme. Der Mann darauf wimmert.
Es ist ein Wimmern aus der Tiefe. Muhamad übersetzt. Der Mann sei traurig. Sagt er. Seit Wochen. Nur einem seiner Freunde noch öffne er überhaupt die Tür.
An diesem Samstagabend treten auch Notarzt und Rettungskräfte ein. In die kleine Wohnung. In das Zimmer, aus dem das Wimmern kommt.
Der Mann sei sehr traurig. Übersetzt Muhamad. Das einzige Messer hätten sie ihm weggenommen. Nachdem er sich damit verletzen wollte. 
Tranquilizer. Danach Antidepressiva. Sagt die Ärztin auf Station. Nachdem sie gehört hat, warum der Mann wimmert. Seit Wochen. 
Anerkannt ist er. Als Flüchtling aus Syrien. Hat zwei Zimmer, Küche, Bad. Hat keinen Strom. Eine Matratze. Zwei Handtücher, die ihn wärmen, wenn er da liegt und wimmert. Inmitten von leeren Fischdosen, Zigarettenkippen, Milchtüten.
Der Freund erzählt. Muhamad übersetzt. Der Mann wimmert. Ob er noch Fragen habe an die Ärztin. Wo ist meine Familie. Geht es ihr gut. 

Frau und zwei Kinder hat er zurückgelassen. Im Bombenhagel. 

Hilfe

Abed. Abed der im August vergangenen Jahres eine Mail schrieb, er wolle Deutsch lernen. Asap. As. Soon. As. Possible. Seinetwegen haben ein paar Leute eine Deutschrunde organisiert. Mit ihm kamen zwanzig und mehr, die Deutsch lernen wollten. 

Abed. Der seinen Fingerabdruck an der ungarischen Grenze gelassen hatte auf der Flucht, darf trotzdem bleiben in Deutschland. Das war die erste gute Nachricht. Vor einem Monat. 

Abed erzählt nun – auf Deutsch – dass er gehen will. Den Platz für den nächsten Deutschkurs, den habe er schon. In einem Städtchen im Westen Deutschlands. Einen Freund dort auch. Und in der Fabrik von dessen Vater einen Job. Die zweite gute Nachricht. 

„Ich darf aber nicht gehen“, sagt er. Warum. Die Sozialarbeiterin, sagt er. Sie sagte, sie habe ihm so viel geholfen. So viel getan für ihn. Sie habe gesagt, deshalb müsse er bleiben. 

„Hallo Nicole,“

ich schreib dir jetzt mal etwas, das mir nicht aus dem Kopf geht, ich habe aber keinen anderen Adressaten dafür als dich.

Da du ja Medienschaffende bist und auch junge Menschen an den Journalismus heranführst, wäre es ganz interessant, deine Meinung dazu zu hören.

Ich kann mich da ja auch irren.

Das, was gerade passiert in Bezug auf Köln, aber auch in der gesamten Flüchtlingsdebatte, ist Ergebnis einer Entwicklung, die ihren Ausgangspunkt in der Anforderung an das Medium (Zeitung, Fernsehen, Radio, Online, gleichermaßen) nimmt. Das Ethos des „Rasenden Reporters“ tut sein Übriges.

Schnelligkeit und Qualität sind grundsätzlich Antagonisten, und ein journalistisches Medium hat beides zu leisten, kann sich aber nur auf Quellen stützen.
Im Gegensatz zum langsamen Medium Zeitung ist der Online-Kanal schneller, Radio und Fernsehen ebenso, daher hat jede Zeitung, inzwischen auch einen schnelleren Online-Kanal.
Der Journalist hat ein grundsätzliches Problem, er muss schnell sein, sollte aber auch Falschmeldungen vermeiden, um glaubwürdig zu sein (die Springer Presse kompensiert das durch bunte Bilder unbekleideter Damen). Allerdings hatte der Journalist bis vor wenigen Jahren noch das Privileg, dass er es war, der als einziger sprach, wenn alle anderen schwiegen – nur er konnte eine große Anzahl von Menschen erreichen.

Das hat sich radikal geändert, heute kann jeder über das Medium Internet eine große Anzahl von Menschen erreichen, und er hat den Vorteil, mit der Schrotflinte schießen zu dürfen! Er darf viele Meldungen raushauen, trifft er einmal, darf er sich damit brüsten „habe ich doch schon vor Wochen gesagt“. Irrt er sich, ist das egal.

Die Exklusivität der Beherrschung des Kanals wurde dem Journalisten genommen. Um dies als Journalist kompensieren zu können, spricht der Journalist nicht mehr selbst (geschweige denn er recherchiert tiefgründig, prüft die Glaubwürdigkeit seiner Quellen und verpasst dadurch den Hype und ist zu langsam, was seinem Ethos und seinem Auftrag widerspricht), sondern zitiert lieber Experten (Politiker, Polizisten, Augenzeugen) oder auch wahllos irgendwen, z.b. Facebook Kommentare oder andere Medienberichte, die zur Geschichte passen. So ist er selbst aus dem Schneider, was die
Qualität angeht (das hat ja XY gesagt), und man muss nur noch die passenden Zitat Versatzstücke im losen Zusammenhang zu einer Collage zusammenstricken, und das geht sehr schnell.

Das ist also eine nachvollziehbare Reaktion auf die beiden Anforderungen, Schnelligkeit und Qualität. Dabei wird dann besonders darauf geachtet, dass vor allem Wertungen, also Emotionen drin sind (denn die Debatte ist ja schon emotional
aufgeladen), dafür sind natürlich besonders Politiker geeignet und nicht etwa Polizei und Staatsanwalt, die laut Gewaltenteilung für die Aufklärung eigentlich zuständig sind – und so kann man schon mal pauschal Versagen vorwerfen… Und durch die Wiederholung der immer gleichen Zitate führt die enorme Vielfalt der Medien dennoch zu etwas wie Einstimmigkeit, und die Häufigkeit der Wiederholung wird für
den Adressaten zum Maß der Glaubwürdigkeit.

Der Ticker ersetzt den Bericht und die Story wird getrieben vom Wettbewerb, wer die größten Monstren zu finden imstande ist, um die größtmögliche Emotion zu haben (Hass, Liebe, Empörung….).

Ergebnis dessen ist Hysterie, das war bei Brüderle so, bei Köln und jetzt wird dem ZDF von Scheuer/CSU vorgeworfen, nicht schnell genug auf diese Hysterie eingestiegen zu sein….

[Und nebenbei wird aktuell der Lügenpressevorwurf der AFD/Pegida etc. von höchstrichterlicher Stelle (der CSU) bestätigt. Dies führt in der Konsequenz dazu, dass nun noch schneller auf die nächste Hysterie
eingestiegen werden muss.]