journalist on the road

Nicole Buchmann

İstanbul ol alı

“Hier wohnt Ihr?”, wird Nico uns fragen. “In einem Viertel voller Diebe und Junkies?”
Die Gassen sind schmal, gepflastert mit altem Kopfstein, gesäumt von Häusern, die nur wenig breiter sind als wir, stellen wir uns davor und strecken die Arme zur Seite aus.

Nico kocht in Istanbul. Und er hat frei an diesem Abend. Unser Glück. Denn ohne Nico verstünden wir die Polizisten Erol und Burhan nicht, die versuchen, uns zu erklären, dass wir besser ein Taxi nehmen in die Kiremit Caddesi. Weil die Gegend gefährlich sei. Weil sie selbst nicht wüssten, wo sich unsere Gasse den Hügel am Goldenen Horn hinauf schlängelt.

Dass Hanar vorbeiläuft und die Männer sich beim Namen kennen – in einer Stadt mit offiziell 14 Millionen Einwohnern – nun. Dass Hanar unseren Vermieter Sinan kennt, ihn anruft und bittet, uns bei Erol und Burhan abzuholen: lässt uns zweifeln an der Bösartigkeit des Viertels.

Drei Tee trinken wir an diesem Abend bei knapp 30 Grad mit Erol, Burhan, Nico und Hanar. Fragen nach den Protesten auf dem Taksim, nach Erdoğan. Sie schimpfen. Erdoğan sei ein Diktaktor. Einer, der das Bild der Türkei in der Welt in den Dreck ziehe. Einer, der viele Feinde habe. Aber auch viele Unterstützer.

Sinan kommt. Die erste Nacht in der Kiremit Caddesi schlafen wir ein unter dem Geschrei der BosporusMöwen.

Die Tage darauf wandern wir durch eine Stadt, in der noch Holztüren schlagen, in der die Straße den Kindern bis in die Nacht Spielplatz ist, in der der Mann im Laden an der Ecke kein Wort Englisch spricht, dafür aber lächelt, und die Einkaufstüten am Ende gefüllt sind mit SesamGebäck, Oliven, Käse. In der der Singsang der Muezzine sich über die Häuser legt wie eine schützende Kuppel. In der fliegende Händler beim ersten Regentropfen Socken ein- und Schirme auspacken. In der sich das Klackern der BackgammonSteine mit dem leisen Klirren eines Löffels am Teeglas mischt.

Wir treffen an der blauen Moschee auf einen Mann, der einen blauen Kaugummi kaut. Den genau dort vor 35 Jahren eine tief verschleierte Frau in die Seite knuffte. Sie wird seine Frau werden – gegen den Widerstand der Familie. Ausgestoßen von ihren Brüdern ist sie bis heute – heute, da sie selbst schon Großmutter ist.

Wir schaukeln mit Isaac über die MarmaraSee gen PrinzenInseln. Mitte 80 mag er sein. Und das Foto von sich als Weltmeister im Gehen über 10 km trägt er in seinem Portemonnaie durch die Zeit.

Wir essen Kebab mit vier angehenden Deutschlehrern. Erdoğan. Schlecht sei er für die Türkei. Schlecht für Istanbul. Und wer sich öffentlich gegen ihn stellt, der bekäme zu spüren, wie schlecht.

Wir fragen eine Frau, wogegen die Frauen und Männer, die Kinder protestieren, die sich zu Hunderten an der Blauen Moschee versammeln und Schilder tragen, auf denen steht: “Kahrolsun Israıl”. “Down with Israel”, wird sie antworten und wir entgeistert in die zornigen Gesichter sehen.

Wir speisen in einem der besten Fischlokale am Goldenen Horn. Der letzte Abend. Die letzten Lire – 260 – gehen an Seebrasse, Baklava und Raki. Es ist der Abend, an dem Erdoğan den Taksim abgeriegelt hat. An dem in den Seitenstraßen Polizisten in Uniform, Polizisten in Zivil mit Rucksäcken, aus denen Schlagstöcke ragen, jeden Protest ersticken sollen. Gezi jährt sich.
Und unser Kellner erinnert sich. Tränengas hatte er damals in den Augen, weil er im besten Hotel am Platz, dem Hilton, Schicht hatte. Kein gutes Herz, kein gutes Herz habe Erdoğan.

Noch am Vormittag starren wir mit Sinan, unserem Vermieter, auf den Livestream vom TaksimPlatz. Dazwischen der Blick auf Twitter. Sinan zeigt uns einen Artikel im National Geographic, der elf Diktatoren der Welt auflistet. Der zwölfte – das werde Erdoğan.

Erdoğan – wo sind Deine Unterstützer eigentlich.

Am Morgen danach auf dem Taksim: Stille. Und wir suchen wieder. Wegen der Proteste wurde die Haltestelle für den Bus zum Flughafen verlegt. Ein junger Mann in schwarzen Lackschuhen wird einen Freund anrufen und fragen. Dann zeigt er auf eine der Seitenstraßen, lächelt und geht.

Teşekkür. İstanbul.

Ein Herz fürs Finanzamt

Es begann mit einer Mail. Mein Arbeitgeber teilte mir mit, dass ich einen neuen Hauptarbeitgeber hätte. Das sagte das Finanzamt. Aha.

Hatte ich einen anderen Arbeitsvertrag unterschrieben? Nein. Nicht einmal beworben hatte ich mich. Der eigentliche Haken: Die Honorare meines wirklichen Hauptarbeitgebers würden fortan nach Steuerklasse 6 abgerechnet. Großartig.

Sollte sich schnell klären lassen, dachte ich. Also erst mal beim FA erfragt, bei wem ich denn nun hauptberuflich arbeite. Vielleicht hatte mich ja ein Headhunter schon mit gefälschter Unterschrift zum Guardian gelockt. Nein. Es war nur eine weitere ARD-Anstalt, für die ich sage und schreibe einen Beitrag gemacht hatte.

Der Blick auf deren Abrechnung offenbarte, dass sie sich keinesfalls herausgenommen hatte, mein neuer Hauptarbeitgeber zu sein. Artig wurde der Beitrag als Nebenbeschäftigung abgerechnet.

Hm. Im FA hingegen hieß es: ein technischer Fehler. Ändern? Können Sie das dann bitte ändern? Nein. Das müssen die Arbeitgeber ändern.

Die schwankten nach einem weiteren Telefonat und anderthalb Stunden später zwischen Amüsement und Entrüstung. Können sie nicht, sagten beide. Dafür bräuchte ich eine Bescheinigung vom FA.

Welche Bescheinigung, wollte die Dame dort wissen. Ich habe es ihr erklärt. Sie will sie schicken. Und ich nie mehr fremdarbeiten.

Ramstein und der Nierenkrebs

Ok. Ich bin ein wenig angestachelt. Angestachelt vom aktuellen Enthüllungsspaß auf geheimerkrieg.de.
Vielleicht  bin ich auch ein wenig neidisch. Darauf, dass die Kollegen anderthalb Jahre Zeit hatten, um sich mal richtig in eine Sache reinzuhängen.
Deshalb habe ich spontan angefangen zu suchen. Nach Dokumenten und sonstigem Kram. Herausgekommen ist dabei eine Bildergalerie. Bei Klick aufs Bild gibt’s den Link. Und Geschichten darüber, wie etwa Prism funktioniert oder ein US-Army-Mann, der einst in Ramstein gedient hat, an Nierenkrebs starb.

 

“Kein Zusammenhang”

Foto 4

Warum AfriCom in Deutschland bleiben soll

Foto

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Olympioniken der Neuzeit. Ruft an.

no-doping.org ist online. Die halbe Stelle für den DOH – gefördert vom Bundesministerium für Inneres und Sport – besetzt. Ines Geipel steht an diesem Mittwoch in Berlin mal wieder hinter einem Rednerpult. In der Stiftung für Aufarbeitung. Weil der Platz in der Robert Havemann Gesellschaft nicht ausgereicht hat – für die vielen Journalisten, die kamen, um über den DOH zu schreiben.
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Sex oder Siegen

Der Händedruck ist kalt und feucht, als sie uns an der Tür empfängt. Bleich die weichen Züge um ihren Mund. Licht setzen. Hunderte von Watt brennen von fünf Stativen ihrem Gesicht entgegen. “Wenn ich Ihre Nummer gehabt hätte”, sagt sie, “dann hätte ich unser Interview abgesagt.”

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